Yann Martel gewann Booker-Preis

23. Oktober 2002, 11:17
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Die britische Top-Auszeichnung in Literatur ging an den "erfindungsreichen" Roman "The Life Of Pi"

London - Yann Martel (39) hat den diesjährigen Booker-Preis gewonnen, die bedeutendste literarische Auszeichnung Großbritanniens. Der Kanadier erhielt den mit 50 000 Pfund (80 000 Euro) dotierten Preis am Dienstag für seinen Roman "The Life Of Pi", eine laut The Guardian "Mischung aus Abenteuerroman und religiöser Meditation".

Die Vorsitzende der Booker-Preis-Jury, Lisa Jardine, rühmte das Werk als "kühn und erfindungsreich". "Es ist", wie der Autor sagt, "ein Roman, der Sie an Gott glauben lassen wird - oder Sie zumindest fragen lassen wird, warum Sie es nicht tun". Martel hat in diesem Wintersemester die Samuel Fischer-Gastprofessur für Literatur an der Freien Universität Berlin inne.

Hinduismus, Islam, Christentum

Der Roman, der bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt worden ist, erzählt die Geschichte von Piscine Molitor Patel, Sohn eines indischen Zoobesitzers. Der 16 Jahre alte Junge hat zweierlei Gaben: einen ausgeprägten Sinn für Religion, der sich als Hindu zugleich vom Islam und vom Christentum angezogen fühlt, und eine große Zuneigung zu Tieren.

Beides wird bald hart auf die Probe gestellt, als seine Familie mit den Tieren nach Kanada aufbricht, um sie dort zu verkaufen. Ihr Schiff geht unter, und Pi findet sich mit einem verwundeten Zebra, einer gescheckten Hyäne, einem seekranken Orang-Utan und einem hungrigen bengalischen Tiger namens Richard Parker in einem Rettungsboot wieder. Bald fordern die Gesetze des Fressens und Gefressen Werdens ihren Preis, so dass Pi die nächsten 227 Tage mit dem Tiger allein verbringen muss.

Gewisse Begrenzung

"Ich mag Einfachheit", erläuterte der Autor, der als Sohn kanadischer Diplomaten in Spanien geboren wurde und in Alaska, Kanada, Costa Rica, Frankreich und Mexiko aufwuchs. "Vielleicht spiegelt es eine gewisse Begrenzung meinerseits wider, aber Günter Grass - den kann ich nicht lesen, der ist mir zu kompliziert und zu dicht. Ich schreibe einfache Bücher und betrachte meine Leser als gleichwertig."

Es sei eine spirituelle Reise für ihn gewesen, das Buch zu recherchieren und zu verfassen: "Wir wissen alle, was schlecht ist an der Religion. Für die meisten Leute reicht das, um sie ganz zu verwerfen. Aber wir vergessen, was daran gut ist - gut sein muss, denn sonst hätte sie nicht so lange überdauert." (APA/dpa)

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    Yann Martel mit dem Booker Prize for Fiction 2002

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