Noch keine militärische Reaktion

22. Oktober 2002, 20:02
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Israel: Neue US-Vermittlungsmission nach verheerendem Anschlag

"Die Armee wird an dem Ort, zu dem Zeitpunkt und in der Weise reagieren, die für sie vorteilhaft sind", erklärte Verteidigungsminister Benjamin Ben-Eliezer am Dienstag und meinte mit dieser Formel, dass trotz der grässlichen Folgen des Anschlags am Vortag keine außergewöhnliche militärische Operation geplant war.

Bis Dienstagnachmittag waren erst sechs der 14 Todesopfer identifiziert - der Bus der Linie 841, der mit rund 30 Passagieren in Nordisrael in Richtung Tel Aviv unterwegs gewesen war, war völlig ausgebrannt, nachdem unmittelbar neben seinem Treibstofftank ein Auto mit fast 100 Kilo Sprengstoff explodiert war.

Ariel Scharon hatte erst vorige Woche wichtige Koordinationsgespräche in Washington geführt, US-Präsident George W. Bush hatte Israels Premier darauf eingeschworen, jetzt stillzuhalten und die diplomatischen Manöver zur Vorbereitung der Waffengangs gegen den Irak nicht zu stören. Israelische Medien spekulierten, dass Maßnahmen, die zuletzt das Alltagsleben der palästinensischen Bevölkerung ein wenig erleichtert hatten, wieder rückgängig gemacht werden könnten - die Ausgangssperren waren kürzer und seltener geworden, und 25.000 Palästinenser durften wieder in Israel arbeiten. Ein klarer Trend war allerdings nicht zu erkennen.

Einkreisungen blieben

Obwohl der Anschlag vermutlich von Jenin ausgegangen war, wurde dort ebenso wie in Ramallah und Nablus die Ausgangssperre aufgehoben, die dichten "Einkreisungen" der Autonomiestädte sollten aber weiterhin verhindern, dass Terroristen nach Israel einsickern. Gleichzeitig zeigte Ben-Eliezer Bereitschaft, den Plan "Judäa zuerst" voranzutreiben - demnach sollen die Israelis die Kontrolle über die Städte des südlichen Westjordanlands, wenn es dort weiterhin relativ ruhig bleibt, nach und nach wieder den Palästinensern übergeben.

Manche sahen in dem Anschlag einen Versuch, die Nahostmission des US-Diplomaten William Burns zu torpedieren - seit Beginn der Intifada waren ja US-Vermittler oft mit Anschlägen "begrüßt" worden. Burns sollte in Israel Antwort auf die "Straßenkarte" des Nahost-Quartetts bekommen, die auf Bushs Nahostrede vom Juni basiert. So müssten die Palästinenser die Intifada beenden und Israel seine Armee zurückziehen, darauf sollen die Gründung eines Palästinenserstaats in provisorischen Grenzen und Schlussgespräche mit Israel folgen. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2002)

Ben Segenreich aus Tel Aviv
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