Kolumne: Trautes Alzheim

22. Oktober 2002, 19:51
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Die ÖVP wirft den Grünen vor, "auf Biegen und Brechen eine Regierungsbeteiligung anzustreben" - Von Günter Traxler

Unglaublich, wie mit Herannahen des Wahltages die Sensibilität zunimmt. Unglaublich aber auch, wie die ÖVP-Spitze ihre Technik verfeinert, jeden, der frech an ihr Kritik übt, als einen Nestbeschmutzer zu entlarven, der in schweren Zeiten, in denen es gilt, um den ersten Platz zu rennen, rennen, rennen, nicht zu seinem Land steht. Wie plump waren noch die ersten Versuche auf diesem Gebiet in der Zeit der ohnehin nur angedeuteten EU-Sanktionen gegen den freiheitlichen Regierungspartner. Schon viel eleganter - gelernt ist eben gelernt - explodierte dann unsere diplomatische Charmebombe, als sie Wolfgang Petritsch, der Kritik an der Außenpolitik der Regierung geübt hatte, vorwarf, "nicht zu seinem Land zu stehen". Da war der eben erst SPÖ-Kandidat geworden, aber das konnte die Dame ebenso wenig von ihrem Lächeln abhalten wie davon, einen Vaterlandsverräter als solchen zu brandmarken.

Und jetzt dies! Sagt doch der grüne Bundessprecher Alexander Van der Bellen wirklich, Wolfgang Schüssel wolle "Alois Alzheimer" zum Schutzpatron der österreichischen Innenpolitik machen. Helle Empörung in den Reihen der Volkspartei. Aber nicht, weil man dort weiß, wie nachtragend - und daher eben keineswegs vergesslich - ihr Obmann sein kann. Nein, vielmehr deshalb, weil dieser "sehr gekränkt" ist, wie die ÖVP die Öffentlichkeit wissen ließ.

Und mit ihm sind es Hunderttausende. "Das ist eine ausgesprochene Kränkung von Hunderttausenden Menschen, die unter dieser schrecklichen Krankheit leiden", litt Schüssel mit. "Dies für einen politischen Gag oder Witz zu missbrauchen ist eigentlich bezeichnend für Professor Van der Bellen", tadelte er laut APA. Und Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat nutzte die Chance zu der subtilen Replik, diese "unglaubliche Entgleisung" des grünen Bundessprechers sei ein weiterer trauriger Beweis dafür, "dass den Grünen, die auf Biegen und Brechen eine Regierungsbeteiligung anstreben, dabei offenbar jedes Maß abhanden gekommen ist". André Heller ist bei ihr noch gut weggekommen.

Die Zeit war reif für eine entschiedene Antwort auf diese unmenschliche Attacke gegen Menschen, die ohnehin genug zu leiden haben, und - nicht zu vergessen - gegen ihre Angehörigen, also praktisch gegen alle Österreicherinnen und Österreicher. Hätte Schüssel dem nicht jetzt mit der ihm eigenen Entschlossenheit einen Riegel vorgeschoben, wer weiß, nächste Woche hätte dieser rasende Professor womöglich gesagt, die Wendekoalition pfeife auf dem letzten Loch und damit alle Asthmatiker dieses Landes (und ihre Angehörigen) erniedrigt. Oder - was auch bezeichnend für ihn wäre - er hätte gefunden, die Einführung der Ambulanzgebühr sei politisch uninspiriert gewesen, und damit alle mental Benachteiligten dieses Landes, die trotzdem die Ambulanzen stürmen, zutiefst gekränkt.

Sind die Dämme erst gebrochen, hätte womöglich irgendjemand gefunden, die koalitionären Personalrochaden vor der Wahl erfolgten eher nach Parkinsons Gesetz als nach objektiven Kriterien, was natürlich eine schlimme Kränkung für alle an Parkinsonismus leidenden Mitmenschen (und ihre Angehörigen) wäre. Dann wäre es nicht mehr weit zu der Feststellung, diese Regierung der Kompetenz sei die Realisierung des Peter-Prinzips oder gar die Übererfüllung von Murphy's Law, weil es mit ihr schneller schief gelaufen ist als nötig - womit in dem einen Fall die Fleißigen und Anständigen gekränkt wären, im anderen alle, die noch immer den Mut zum Risiko einer Koalition mit Schüssel aufbringen. Gerade die bedürfen aber dringend eines Schutzpatrons namens Alzheimer. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2002)

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