Herbergssuche und Asyl

22. Oktober 2002, 19:16
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Manches Schäfchen könnte ob Strassers Treibens im Asylwesen am christlichen Glauben irre werden - Von Samo Kobenter

Geeichte Katholiken haben es leicht, wenn sie ihr Seelenheil ausschließlich dem Sanktionsmechanismus der für alle und alles Verzeihung bereithaltenden Mutter Kirche anvertrauen. Nehmen sie die Schrift ernster - etwa bezüglich der christlichen Nächstenliebe -, wird die Angelegenheit schon etwas komplizierter. Nicht dass wir fürchten müssten, Innenminister Ernst Strasser müsste wirklich um seine himmlische Seligkeit bangen: Zum Ernstfall des Jüngsten Gerichts ist es erstens noch ein Weilchen hin, außerdem wurde Strasser soeben mit einem hohen päpstlichen Orden ausgezeichnet, die Fürsprache hoher geistlicher Herren ist ihm sicher.

Diese verhalten sich derzeit auffallend ruhig, obwohl manches Schäfchen ob Strassers Treibens im Asylwesen am christlichen Glauben irre werden könnte und sich ein klärendes Wort seines Hirten verdient hätte. Beispielsweise zum Verständnis der Arbeitsteilung zwischen weltlicher und geistlicher Macht, das Strasser mit der großmütigen Überantwortung abgewiesener Asylwerber in die Barmherzigkeit kirchlicher Organisationen praktiziert. Der Innenminister, gelernter Ministrant und Katholik, interpretiert das Wort, dem Kaiser und Gott zu geben, was ihres ist, eben so: Wer in Österreich kein Asyl bekommt, soll heimgehen. Oder bei der Caritas unterschlüpfen.

Nicht dass hier dem ungebremsten Zuzug von Asylanten aus aller Welt das Wort geredet wird: Aber wer schon hier ist und nicht heim kann - aus welchen Gründen auch immer -, sollte wenigstens für die Zeit der Klärung seines Anliegens ein Dach über dem Kopf haben. Das wäre eine Minimalforderung, die nichts mit Christlichkeit zu tun hat. Die Glaubensgemeinschaft, der Strasser anhängt, erinnert sich übrigens alljährlich einer gescheiterten Herbergssuche, die auch ihr Anfang war. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2002)

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