Musikalische Eiswürfel

22. Oktober 2002, 21:43
1 Posting

Geigerin Midori gastierte im Wiener Konzerthaus

Wien - Die angesammelten Jahre, die man im biographischen Gepäck mitführt, sind in der Musikbranche beliebte Verschlusssache. Nur in Extremfällen werden Jahresringe zur Trophäe, die man marketingtechnisch einsetzt. In zwei Ausformungen. Dem Wunderkindhaft-Juvenilen steht als zweites verehrungs- und verkaufsförderndes Klischee das ehrwürdige Alter zur Seite, das vornehmlich auf klanggewordene ewige Wahrheiten hoffen lässt.

Midori, Jahrgang 1971, feiert bewusst zwanzigjähriges Bühnenjubiläum, und das ist insofern eine Doppeltrophäe, als sie damit das Juvenile mit einer Erfahrungsmenge kombiniert, die 31-Jährige gemeinhin nicht vorzuweisen haben. Es ist auch der Verweis auf jenen Triumph, als putziges Technikwunder, vor dem einst Leonard Bernstein kniete, unbeschadet in die Rolle einer nicht nur ob ihres Alters Verehrten gewechselt zu sein.

Wie man hört, hat Reife hier etwas mit Kühle zu tun. Midoris Ton wirkt mitunter wie ein Laserstrahl, der nur selten zu Musikbränden führt. Die Eindruck des Metallischen, Asketischen dominiert, und schon ist Dvoráks Violin-Klavier-Sonate (G-Dur op. 100) in Bereich der Energielosigkeit angelangt. Das klingt schüchtern und farblos. Midori will einen Hauch von Zerbrechlichkeit und herber Wahrhaftigkeit einbringen, dabei zerfällt das Werk jedoch - zu kleinen musikalischen Eiswürfeln.

Erwin Schulhoffs Sonate (aus 1927) hat es da insofern leichter, als den drängenden Linien eine gewisse Unterkühlung entgegenkommt. Außerdem begibt sich Midori hier bewusst auch in expressive Bereiche, wo ihr Ton aufblüht. Man merkt, was hier möglich ist. Man merkt dann allerdings, dass es nicht immer an passender Stelle gewollt wird.

Die Es-Dur-Sonate (op. 18) von Richard Strauss bringt denn auch Höhen wie Tiefen, hat blühende Momente, aber leider auch "asthmatische", in denen der Ton dünn wird. Da Pianist Robert McDonald auch noch etwas zu sehr auftrumpft, stimmte die innere Ausdrucksbalance des Werkes nicht mehr. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2002)

Von Ljubisa Tosic
Share if you care.