Neue Dokumente einer ewigen Flucht

22. Oktober 2002, 21:28
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Ein weiterer, sensationeller Nachlass Heinrich Manns wurde in Prag entdeckt

Prag - Ordnung muss sein. Weshalb im Heinrich-Mann-Archiv der Berliner Akademie der Künste von jeher Wert gelegt wird auf strikte Einhaltung des "Provenienz-Prinzips". Nicht alles nämlich, was dem Laien als ein Nachlass dünkt, ist auch der Archivarin ein solcher. Für sie darf sich Nachlass nur nennen, "was sich im Besitz des Schriftstellers befunden hat zum Zeitpunkt seines Todes", wie Christina Möller mit großer Geduld erklärt.

Seit 18 Jahren betreut Frau Möller in Berlin deshalb nicht nur 49 Kästen Nachlass, sondern auch die 46 Kästen umfassende Sammlung Heinrich Mann, die sich aus Schenkungen oder Erwerbungen von Dritten zusammensetzt.

Auf sensationelle weitere 15 Kisten veritablen Heinrich-Mann-Nachlasses stieß Frau Möller nun eher auf des Zufalls erfinderischen Wegen: Im Prager Literaturarchiv entdeckte sie, säuberlich archiviert, die Kartons mit rund 1200 Briefen an Heinrich Mann, etwa von seiner Mutter Julia, seinem Bruder Thomas, seiner ersten Frau Maria, von Kollegen und Verlegern, des Weiteren Fotos und eine bibliografische Kartei von Manns Münchner Bibliothek sowie Werkmanuskripte, beispielsweise vom Drama Schauspielerin (1911).


Vier Teilnachlässe

Die Funde schließen eine große Lücke, die bisher im Münchner Teilnachlass Heinrich Manns klaffte. Denn verschlungen wie die Lebensspur Heinrich Manns ist die Erschließung seines über mehrere Kontinente verstreuten einstigen Besitzes. Gute zehn Jahre lang hatte Heinrich Mann mit seiner ersten Frau Maria und Tochter Leonie in München gelebt, bevor er nach der Trennung 1928 nach Berlin zog. Nicht ohne ein Gutteil der Schriften und Briefe in München zu lassen.

1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, floh Heinrich ins französische Exil, später nach Kalifornien, wo er 1950 starb. Bis heute fehlt jeder Hinweis auf alle Dokumente und Besitztümer, die er 1933 in Berlin zurücklassen musste. Der französische und der kalifornische Nachlass aber liegen seit rund einem halben Jahrhundert in der Berliner Akademie der Künste, zuletzt in der Obhut Frau Möllers. Gemeinsam mit den zwei Teilen des Münchner Nachlass bilden sie den Inhalt der dortigen 49 Kästen.

Schon 1950 war das Berliner Heinrich-Mann-Archiv, anfangs geleitet von Alfred Kantorowicz, gegründet worden, um den in alle Welt verstreuten Besitz aufzuspüren und zusammenzuführen.

Am kompliziertesten erwies sich das bis heute mit den Münchner Papieren. Die gelangten unter erschwerten Umständen mit Exfrau Maria und Tochter Leonie nach Prag. Was dort aus den zahlreichen Verstecken nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auftauchte, wurde von Leonie 1958 dem Berliner Archiv übergeben. Mit schweren Lücken allerdings - die Dokumente galten bisher als endgültig verschollen. Ein Teil tauchte nun also auf: in Prag. Wohin Frau Möller und andere Forscher nun reisen werden. Denn an eine Übergabe des Prager Fundes an Berlin wird derzeit nicht gedacht. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2002)

Von
Cornelia Niedermeier
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    Heinrich Mann

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