Fallstricke für Börsenbullen

22. Oktober 2002, 18:28
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Analyse: Warum nach den satten Gewinnen der vergangenen Wochen der Kursrallye der Aktien bald die Kraft ausgehen könnte

Wien - Die Aktienbörsen haben in den vergangenen zehn Handelstagen mit 14 Prozent Kursplus in den USA und 20 Prozent Gewinn im Dax eine wilde Rallye hingelegt. Begründet wird das mit den "positiven" Quartalsberichten der großen Unternehmen. "Aufschwung" und "Trendwende" werden jetzt, nach zweieinhalb Jahren Aktienbaisse, gerne ausgesprochen. Vieles spricht allerdings dafür, dass diese Ausschläge nach oben eine Bärenrallye, also übertriebene Gewinne in hohem Tempo,mit anschließend neuerlichem Absturz, sein könnten.

Anlass zur Sorge

Der Blick auf die Geldflüsse in den Aktienmarkt bietet Anlass zur Sorge: Hauptsächlich ist das Kursplus von Hedgefonds ausgelöst, die mit Leerverkäufen auf sinkende Kurse gesetzt hatten, von leicht steigenden Kursen überrascht wurden und sich deswegen groß mit Aktien eindecken mussten, was die riesigen Sprünge erklärt.

Gleichzeitig sinken derzeit die Anleihenkurse dramatisch, das heißt, Geld wird von Anleihen abgezogen und wieder in Aktien geschoben. Wer zwei Jahre lang in Aktien Geld verloren hatte, der verliert es jetzt in Anleihen. Dies mit der Gefahr, es bald neuerlich in Aktien zu verlieren, denn: Sobald die Hedgefonds wieder eine neutrale Position erreicht haben, setzen sie erneut auf sinkende Märkte.

Fundamentale Voraussetzungen haben sich nicht gebessert

Die fundamentalen Voraussetzungen haben sich nicht gebessert: Die Konjunkturdaten sind schlecht. Die Quartalsergebnisse entsprechen zwar den Erwartungen, diese sind aber tief nach unten revidiert worden und wesentlich beeinflusst von Entlassungen und Kostenschnitt. Dazu sind die Ausblicke der Unternehmen im besten Fall nebelig.

Deflationsgefahr

Die Gefahren einer Deflation nach japanischem Vorbild nehmen Gestalt an, da selbst der sonst preisstabile Dienstleistungssektor einer Untersuchung von Morgan Stanley zufolge schon Tendenzen eines Preisverfalls zeigt. Im Zusammenspiel mit für das Weihnachtsgeschäft befürchtetem nachlassendem privatem Konsum könnte sich dieses Problem noch verschärfen. Selbst weitere Zinssenkungen können dann nichts helfen.

"Unvernünftig"

"Die Übertreibung nach oben ist so unvernünftig wie der lange Crash davor", sagt Elisabeth Staudner, Chefin der Kapitalanlage in der Constantia Privatbank. Ein nochmaliges "Abdriften" der Aktienbörsen scheint ihr wahrscheinlich.

Historisch gesehen war zwar Ende Oktober (nach einem Crash) der beste Einstiegszeitpunkt für Aktien. Das Fragezeichen hinter dieser Börsenregel ist aber die Konjunktur. (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe 23.10.2002)

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    "Die Übertreibung nach oben ist so unvernünftig wie der lange Crash davor", meint eine Expertin.

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