Wien brennt ihm unter den Fingernägeln

22. Oktober 2002, 21:37
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Sein Roman "Ewigkeitsgasse" wird als Gratisbuch verteilt: Frederic Morton im Porträt

Es war ein schmerzvoller Abschied, den Friedrich Mandelbaum im Juli 1939 von Wien nehmen musste: Am Tag vor der Flucht streifte er auf dem Heimweg von Ottakring, wo der 14-jährige Fritz ein letztes Mal seine Großmutter besucht hatte, nach Hernals mit der Hand über jede Mauer. Seine Heimatstadt brannte sich in die Fingerkuppen: Sie waren mit Blasen übersät.

Eine Packung Mannerschnitten, ein Geschenk, nahm er mit auf die Reise in eine ungewisse Zukunft, die zunächst nach London, 1940 nach New York führte: "Ein bisschen Blut war von meinem Finger direkt unter das Markenzeichen Stephansdom getropft. Ich war sehr stolz, dass ich nicht weinte."

In dieser Geschichte seiner Flucht vor Hitler ist die gesamte Tragik des Frederic Morton angedeutet. Denn, wie es Alfred Polgar ausdrückte: "Ein Emigrant verliert seine Heimat und erhält dafür zwei Fremden." Der Schriftsteller, der das Handwerk des Bäckers erlernte, bevor er sich dem Studium der Literaturwissenschaften zuwandte, kam trotz eines ambivalenten Verhältnisses nie los von Wien:

In seinem Vorzimmer in der Upper Westside von Manhattan hat er sich ein kleines "Kitschmuseum" eingerichtet. Mit einer Bassena, mit Karikaturen und dem alten Schild der Thelemangasse, in der er gewohnt hatte. Da könne er, sagt Morton, "seine Nostalgie ausleben". Und jeden Nachmittag gönnt sich er sich eine Jause - mit Mannerschnitten, die er am Broadway kauft.

Frederic Morton lehrte englische Sprache und Literatur, er schrieb für amerikanische Zeitungen und Magazine wie den Esquire, die Village Voice und die New York Times, ihm gelang 1962 mit dem Buch Die Rothschilds, dem Porträt einer Dynastie, ein internationaler Bestseller, der sich bisher 2,5 Millionen Mal verkaufte.

Und doch: Nach wie vor brennt ihm Wien unter den Fingernägeln. Er brachte Bücher über die Wiener Küche heraus (schließlich liebt Morton Germknödel). Zudem beschrieb er sehr oft die Stadt oder erinnerte sich an seine Kindheit. In Wetterleuchten. Wien 1913/14 knüpft er an seinen Roman Der letzte Walzer an: Er schildert, die Fakten wie immer penibel recherchiert, die letzten Jahre vor dem Zusammenbruch der Monarchie. Und in Ewigkeitsgasse setzt er seinem Großvater ein literarisches Denkmal: Er zeichnet das Leben des Handwerksgesellen Berek Spiegelglas nach.

Dieser Roman wird nun gratis verteilt. In einer Auflage von 100.000 Stück. Bürgermeister Michael Häupl hatte die Idee. Und Morton willigte erfreut ein: Er verzichtete auf seine Tantiemen. Ihm wird nur die Reise bezahlt. Aber er ist gerne in Wien. Heuer schon zum vierten Mal. In der Regel nächtigt er im Hilton. Und weil der frühere Sprinter noch immer sportlich ist, erklimmt er die Treppen zu Fuß. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2002)

Von Thomas Trenkler

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einestadteinbuch.at

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    Frederic Morton während eines Empfangs am Dienstag, 22. Oktober 2002, im Wiener Rathaus

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