Michel Houellebecq in Paris freigesprochen

23. Oktober 2002, 14:44
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"Plattform" kein Aufruf zum Rassenhass

Ein Pariser Gericht hat den französischen Autor Michel Houellebecq am Dienstag vom Vorwurf freigesprochen, er habe zum "antiislamischen Rassenhass" aufgerufen. Verschiedene muslimische Organisationen, darunter die Moschee in Paris, hatten den Schriftsteller deswegen auf Schadenersatz geklagt.

In seinem letzten Roman "Plattform" (deutsch bei DuMont) drückt der Skandalautor seine Abscheu über den Islam aus und schildert einen blutigen Terrorangriff von Islamisten auf ein fiktives Tourismuszentrum in Südostasien (wie er sich auf Bali nun realisierte). In einem Interview mit der Literaturzeitschrift "Lire" bezeichnete er den Islam als "dümmste Religion der Welt". Frankreichs Muslimvertreter sahen den Tatbestand der "Anstiftung zum Rassenhass" erfüllt.

Bei dem Prozess vor einigen Wochen gingen die Wogen hoch. Im Gerichtssaal stellten sich nicht nur prominente Literaten, sondern auch Rechtsextremisten auf die Seite Houellebecqs. Letztere wurden wegen Ruhestörung des Saales verwiesen, nachdem sie vom Autor demonstrativ ignoriert worden waren. Das Enfant Terrible des Pariser Literaturbetriebs war persönlich aus seinem irischen Exil nach Paris gekommen. Dabei zog er die Anklageschrift zuerst ins Lächerliche - als Beruf gab er beispielsweise "Fußgänger" an. Gleichzeitig verteidigte er sich höchst geschickt: Zum einen erklärte er, er lehne neben dem Islam sämtliche monotheistischen und Offenbarungsreligionen als "unfriedlich" ab; zum anderen verteidigte er sich mit der Behauptung, "Lire" habe seine beiläufigen Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen und aufgebauscht.

Die Staatsanwaltschaft folgte dieser Argumentation und plädierte erstaunlicherweise auf Freispruch. Das Gericht schloss sich dieser Sicht an. In der Begründung heißt es, Houellebecq genieße wie jeder Bürger den Schutz der Meinungsäußerungsfreiheit; er habe die muslimische Glaubensgemeinschaft nicht als Ganzes verunglimpft und auch nicht direkt zum Rassenhass angestiftet. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2002)

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    Houellebecq im TV-Studio

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