Meinungsforscher: Probleme und wenig Freude mit Sonntagsfrage

22. Oktober 2002, 14:40
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Auswirkung von TV-Duellen unklar

Wien - Bereits beim Wahlkampf 1999 beruhte mehr als die Hälfte der Berichterstattung in den Medien nicht auf Inhalten, sondern auf Umfragen und Koalitionsspekulationen. Für heuer erwartet der Meinungsforscher Peter Ulram, dass dieser Wert um die 60 Prozent liegen wird. Gerade die beliebte Sonntagsfrage sei aber mit wesentlichen Unsicherheiten belastet, so der einhellige Tenor einer hochkarätigen Runde von Meinungsforschern in einer gemeinsamen Pressekonferenz am Dienstag. Eine Punktlandung sei praktisch nicht möglich. Einig waren sie sich darin, dass sie nur wenig Freude mit einem ihrer bekanntesten Produkte haben.

"Wir alle wissen, dass das ein Spiel ist", so Ulram, Chef des Instituts Fessel+GfK, "das dient der Publikumsunterhaltung". Gespielt werde zwischen Medien und Meinungsforschung. Gleichzeitig verwies er aber darauf, dass dieses Spiel offenbar ein sehr zentrales ist. Umfragen hätten ergeben, dass die Ergebnisse mehr Einfluss auf das Wahlverhalten hätten als die gesamte Werbung der Parteien mit Plakaten und Inseraten.

Wie sich ihre Umfragen auswirken, konnten die Meinungsforscher freilich nicht sagen. Imma Palme (IFES) verteidigt daher auch die Festlegungen, keinen Umfrage-freien Zeitraum vor Wahlen einzuführen. Die unterschiedlichen Ergebnisse würden sich in ihrer Wirkung aufheben, deshalb habe sie kein Problem mit einer Veröffentlichung. Ulram berichtet, in den USA sei man von der "Nullhypothese" ("Es bewirkt nichts") zur "Modifizierten Nullhypothese" ("Es bewirkt schon etwas. Wir wissen nicht, was") übergegangen. Er tritt für ein Publikationsverbot ein.

Für Peter Hajek (OGM) wiederum hängen die Auswirkungen der Umfragen in erster Linie davon ab, wie die Politiker damit umgehen. Als Beispiel nannte er die Oppositionsansage Wolfgang Schüssels im Wahlkampf 1999, die erst Bewegung in die Wähler gebracht habe. Er erinnerte daran, dass die Sonntagsfrage ursprünglich nicht für die Medien, sondern für die Politikberatung gedacht gewesen sei. "Es geht um eine Tendenz. Und dazu reichen in den meisten Fällen die Rohdaten."

Von diesen Rohdaten, dem eigentlichen Ergebnis der Umfrage, ausgehend wird in der Folge ein zum Zeitpunkt der Umfrage mögliches Wahlergebnis hochgerechnet. Notwendig wird dies, weil ein beträchtlicher Teil der Befragten - die Angaben reichten von einem Drittel bis 15 Prozent - sich nicht deklarieren. Wenn 85 Prozent ihre Präferenz angeben, sei dies überhaupt die "absolute Grenze", so Fritz Karmasin (Gallup).

Die Frage ist nun, wie diese Hochrechnung geschieht. Jedes Institut hat dafür seine eigenen Methoden und Formeln. "Meinungsforschung ist ein Mittelding zwischen Wissenschaft und Handwerk", so Karmasin dazu. Problematisch werde es freilich dann, wenn die Erfahrungswerte fehlten - etwa wenn eine Partei neu auftrete oder eine andere "Selbstmord begeht", so der Meinungsforscher offenbar in Anspielung auf die FPÖ.

Überhaupt machen die Entwicklungen den Meinungsforschern die Arbeit nicht leichter, bedauerte Werner Beutelmeyer (market). "Es nehmen gasförmige Meinungszustände zu. Die Beweglichkeit nimmt zu. Und wir versuchen mit einer einzigen Frage, der Sonntagsfrage, die Marktanteile zu messen."

Unterschiedlich eingeschätzt wurde die Auswirkung der Stichprobengröße auf die Qualität. Mehr Befragte ergeben zwar eine höhere Genauigkeit, während Hajek und Ulram aber auch 500 Befragte für ausreichend halten, plädierte Palme für die Richtlinie der europäischen Marktforscher-Vereinigung ESOMA, die von mindestens 1.000 Interviews spricht.

Einig waren sich die Meinungsforscher hingegen darin, dass bei der Publikation von Umfragen manche Daten mit angegeben werden sollten. Dies betreffe zumindest die Größe des Samples, der Stichprobe und die Schwankungsbreite. Angeregt wurde auch die Veröffentlichung der Rohdaten sowie des Prozentsatzes der nicht deklarierten Befragten.

Auswirkung von TV-Duellen unklar

Zum laufenden Wahlkampf gaben sich die Meinungsforscher zurückhaltend. Man wisse ja noch nicht, was die Parteien noch auf Lager hätten. Als bisher einzige Aktion, die größere Veränderungen bewirken könnte, nannte Fritz Karmasin (Gallup) den "Broukal-Effekt", die Kandidatur des früheren ORF-Moderators Josef Broukal für die SPÖ. Wie sich die kommende Woche beginnenden TV-Duelle auswirken werden, sei noch nicht klar. Allerdings, so Imma Palme (IMAS): "Etwas, das um halb elf in Österreich am Abend beginnt, kann nicht sehr aufregen."

Wichtig sei daher in erster Linie die Berichterstattung über die Konfrontationen, so Palme: "Wichtig ist, das Match danach zu gewinnen." Die Erfahrungswerte für die Auswirkungen der Duelle seien jedenfalls widersprüchlich: 1994 und 1995 hätten sie viel bewirkt, 1999 hingegen nur wenig. Auch Peter Ulram (Fessel+GfK) ließ alles offen: "Wahlkämpfe sind Ereignis-Zeiträume, TV-Duelle sind Ereignisse. Sie können etwas auslösen. Sie müssen aber nichts auslösen."

Von den Parteien in den kommenden viereinhalb Wochen noch zu gewinnen sind nach Ansicht Palmes vor allem Bürger, die zuletzt die FPÖ gewählt haben. Diese seien noch auf Distanz. Was sie tun werden, sei "Gegenstand der Interpretation". Viele Wähler würden auch noch zwischen mehreren Optionen schwanken und ihre Stimme letztlich strategisch abzugeben versuchen. Bewegen würden sich diese nicht innerhalb der Lager - hie ÖVP und FPÖ, da SPÖ und Grüne -, sondern vielmehr zwischen SPÖ und ÖVP. Eine Zunahme strategischer Orientierung der Wähler konstatierte auch Werner Beutelmeyer (market).

Ulram ergänzte in diesem Zusammenhang, dass der Anteil jener, die angeben, einmal FPÖ gewählt zu haben, heuer besonders hoch sei. Bisher habe sich diese Gruppe durch geringe Bekenntnisbereitschaft in Umfragen ausgezeichnet. (APA)

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