Ehemaliger Sklavin droht Abschiebung in den Sudan

22. Oktober 2002, 15:48
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Appell an deutschen Innenminister um Asyl

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat am Dienstag an Bundesinnenminister Otto Schily appelliert, der in Großbritannien mit ihrem Asylantrag gescheiterten sudanesischen Bestsellerautorin Mende Nazer in Deutschland Zuflucht zu gewähren.

In Heimat mit Tod bedroht

Tausende LeserInnen seien entsetzt über das Schicksal der ehemaligen Sklavin, die nach dem Willen der britischen Behörden ihren Verfolgern im Sudan überstellt werden soll, heißt es in dem Appell der Menschenrechtsorganisation. "Eine Abschiebung Nazers wäre ein Armutszeugnis europäischer Menschenrechtspolitik. In ihrer Heimat droht der Nuba-Frau der Tod, da Kritik an der noch immer existierenden Sklaverei als Verleumdung des Sudan mit aller Härte geahndet wird", erklärte der GfbV-Afrikareferent Ulrich Delius. Kein Vorwurf von Menschenrechtlerinnen treffe die in Khartum regierende Diktatur so sehr wie die Kritik, Sklaverei als Mittel der Kriegführung einzusetzen. Die GfbV bat Schily, gemäß § 33 des Ausländergesetzes Frau Nazer aus humanitären Gründen in Deutschland aufzunehmen.

Staatsfeindin

Die Ablehnung des Asylantrages in Großbritannien sei nicht nur unmenschlich, sondern zeuge auch von wenig Kenntnis des Sudan, sagte Delius. So erklärte die Einwanderungsbehörde in Liverpool in ihrem erst jetzt bekannt gewordenen Ablehnungsbescheid vom 10. Oktober 2002, Nazer könne ohne Gefahr von Repressalien in den Sudan zurückkehren, da in ihrer Heimat, den Nuba- Bergen, ein Waffenstillstand bestehe. "Doch die ehemalige Sklavin ist mit ihrer Bestseller- Autobiographie zur Staatsfeindin geworden", warnte Delius, "sie selbst ist eine lebende Anklage und würde im Sudan sofort und mit allen Mitteln mundtot gemacht." Ihr Fall habe das Ansehen der Machthaber in Khartum und das sudanesisch-britische Verhältnis beeinträchtigt.

Autobiografie erschienen

Die heute 22 Jahre alte Mende Nazer schildert in ihrer kürzlich in Deutschland veröffentlichten Autobiografie "Sklavin", wie sie als 13-Jährige von arabischen Sklavenhändlern entführt wurde und Zwangsarbeit bei wohlhabenden Nordsudanesen leisten musste. Später war sie von dem damaligen Geschäftsträger der sudanesischen Botschaft in London, Abdel al-Koronky, mit falschen Visa- Papieren in die britische Hauptstadt gebracht worden. Dort sollte sie nach eigenen Angaben als unbezahlte Haushaltkraft unter Sklaven-ähnlichen Bedingungen für den Diplomaten arbeiten. Nach ihrer Flucht aus Koronkys Haus am 11. September 2000 stellte sie den nun abgelehnten Asylantrag in Großbritannien. Zwar bestritt der Diplomat, sie als Sklavin gehalten zu haben, doch wurde der Geschäftsträger unverzüglich nach Khartum zurückbeordert. Mit Rücksicht auf die Friedensvermittlung Großbritanniens im Sudan will London jedoch Streit um die Sklavereivorwürfe vermeiden. (red)

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