Wo sind die Beskiden?

23. Oktober 2002, 08:00
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Öfters ist es durchaus von Vorteil, wenn man ein bisschen über seine Grenzen hinausschaut. Vor allem wurstmäßig.

Ich tat ihr unrecht. Ich habe sie jahrelang ignoriert. Und ich tat schlecht daran. Unlängst aber, bei einem für seine ebenso große Auswahl wie winzigen Platzverhältnisse bekannten Händler von Schinken- und Käsemäßigen Pretiosen am Naschmarkt, frug ich nach dem besten Schinken, den man mit dem Spiegelei sich in der Früh braten könnte. Ich dachte eigentlich an irgendeinen doch eher stärker geräucherten Kochschinken wie ihn zum Beispiel die Iren bestens beherrschen und war dann doch etwas verwundert, als der Diamantenhändler hinter der Budel plötzlich zu einer Wurststange griff und sein Gesicht einen verschwörerischen Zug annahm. Das sei es, raunte er mir zu, darüber gehe Spiegelei-mäßig in der Früh nichts hinaus, und außerdem komme die irgendwo her aus Tirol, Kitzbühel oder so, und außerdem sei es eine Beskidenwurst.

Hm, Beskidenwurst. Ja, tausendmal irgendwo gelesen, aber in die Kategorie "Krakauer und sonstige" abgelegt und als bereits in der Kindheit abgehakt ignoriert. Noch dazu, wo Beskiden irgendwie nach Hebriden klingt, also schwer nach Nordeuropa mit kaltem Meer rundherum, und ich wurstmäßig ja doch eher zu den südfranzösischen, piemontesischen und toskanischen Varianten tendiere, mit fallweisen Ausflügen ins Spanische oder Emilia Romanische (Mortadella!) natürlich. Die Einschätzung lag freilich ein paar tausend Kilometer daneben, denn die Beskiden sind, wie das Internet verrät, eine Karpatenregion, die sich Polen und Tschechien miteinander teilen. Insoferne nur schlüssig, dass die Beskiden-Wurst im österreichischen Wurst-Kataster auch unter "Polnische Spezial" firmiert und insoferne auch nicht weiter verwunderlich, dass sie in ihrer Grundstruktur der Krakauer gar nicht unähnlich ist. Aber eben mit viel mehr und viel größeren und viel feineren Stücken zart geräucherten Schinkens, verbunden durch feinstes Brät, würzig, aber nicht zu sehr und jedenfalls mit einem ganz wunderbaren Aroma ausgestattet, das mich irgendwie an Biskuit erinnerte. In drei Millimeter dicke Scheiben geschnitten, in Butter leicht angebraten und mit dem gespiegelten Ei versehen also eine absolute Wucht.

Ich kaufe sie mittlerweile mehrmals wöchentlich, und bis zum sonntäglichen Spät-Frühstück reicht sie nur mit Hilfe allergrößter Überwindung.
Von Florian Holzer
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    montage: derstandard.at
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