Mehr Arbeitslose in Deutschland erwartet

22. Oktober 2002, 19:01
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Herbsgutachten: Prognosen der Wirtschaftsforscher fallen düster aus

Berlin - Die Prognosen fielen düster aus, auch die Stimmung unter den Wirtschaftsforschern war bei der Präsentation des Herbstgutachtens angespannter als üblich: Die Institute rechnen für das nächste Jahr mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahl um rund 50.000 auf durchschnittlich 4,1 Millionen. Die Arbeitslosenquote soll im kommenden Jahr von erwarteten 9,5 heuer auf 9,6 Prozent zunehmen.

Hartz-Kommission: Hoffnungen "übertrieben"

Die Vorschläge der Hartz-Kommission zur Reform der Arbeitsmarktes bezeichneten die sechs führenden Institute als "grundsätzlich richtig", aber die damit verbundenen Hoffnungen auf einen massiven Abbau seien "übertrieben". Arbeitslose würden in der Statistik "versteckt", die bessere Vermittlung helfe nur bedingt. Die Ursachen lägen in zu geringem Wachstum.

Die Prognosen sind aber für dieses Jahr weiter nach unten revidiert worden: Für heuer erwarten die Institute nur einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,4 Prozent, für nächstes Jahr von 1,4 Prozent. Im Frühjahrsgutachten waren die Experten noch von 0,9 bzw. 2,4 Prozent ausgegangen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht noch schwärzer: "Ein Aufschwung kann nicht einmal ansatzweise gelingen", so Gustav-Adolf Horn, DIW-Konjunkturexperte. Für nächstes Jahr erwartet das Berliner Institut nur einen BIP-Anstieg von 0,9 Prozent.

Auftriebskräfte

Für den EU-Raum gehen die Institute davon aus, dass die konjunkturellen Auftriebskräfte im kommenden Jahr "nach und nach die Oberhand gewinnen". Sie erwarten für heuer ein Wachstum von 0,8 Prozent in der Eurozone und von 1,8 im nächsten Jahr.

Die steuer- und finanzpolitischen Pläne der rot-grünen Koalition werden nach Einschätzung der Wirtschaftsforschungsinstitute rund 0,5 Prozent BIP-Zuwachs kosten. "Die Richtung stimmt nicht mehr. Die Abgaben und Steuern werden erhöht, statt sie zu senken", so Joachim Scheide vom Institut für Weltwirtschaft. Die Abgabenlast wird auf 6,5 Milliarden Euro beziffert, die Ausgabenbegrenzung der öffentlichen Hand auf sechs Milliarden.

Nulldefizit 2004 "unwahrscheinlich"

Als "unwahrscheinlich" bezeichneten die Forscher den Anspruch des Finanzministers, bis 2004 ein Nulldefizit vorzuweisen. Die Budgetschwierigkeiten dürften auch kein Grund sein, von der Haushaltskonsolidierung abzuweichen, mahnten die Institute. Sie rechnen für heuer mit einem Defizit von 3,2 Prozent, für 2003 mit 1,9 Prozent - wobei ein höherer Betrag nach der Steuerschätzung im November nicht ausgeschlossen wird. Damit liegt Deutschland klar über dem Drei-Prozent-Maastrichtkriterium.

Differenzen traten bei der Bewertung der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank zutage. Im Gegensatz zu den anderen Instituten bezeichnete das DIW eine Zinssenkung als "sachlich gerechtfertigt". (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Printausgabe 23.10.2002)

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