Jim Rogers küsst wieder in Wien

22. Oktober 2002, 11:40
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– und das verheißt diesmal nichts Gutes - Ein Gastkommentar von Michael Margules

In den letzten Tagen hielt sich der Aktienguru Jim Rogers in Wien auf. Was grundsätzlich eher unter dem Travnicek-Motto „Und wozu brauch‘ ma des?“ abgetan werden könnte, erhält hierzulande mehr Bedeutung aufgrund der Tatsache, daß der besagte Jim Rogers im Jahre 1985 nach einem Treffen mit dem damaligen österreichischen Finanzminister und späteren Bundeskanzler Franz Vranitzky die Wiener Börse aus ihrem (jahrzehnte)langen Dornröschenschlaf erweckte. Und auch anläßlich seines jüngsten Besuches gab Rogers eine Empfehlung für den Wiener Börseplatz ab, die er als „jene Börse mit den relativ besten Kurschancen innerhalb der Euroland-Zone“ einstufte.

Jim Rogers und Karl Farkas

Auslösendes Moment für die seinerzeit von Rogers im renommierten US-Anlegermagazin „Barron’s“ abgegebene Empfehlung für den Wiener Aktienmarkt bildete zum einen die Unterbewertung der hiesigen Werte – der Großteil der gelisteten Aktien notierten tatsächlich weit unter ihrem Buchwert, und einstellige Kurs/Gewinn-Verhältnisse (KGV) waren eher die Regel denn die Ausnahme. Hinzu kam die nicht nur aus Sicht von Jim Rogers attraktive staatliche Förderung sogenannter junger Aktien aus Kapitalerhöhungen von Industrieunternehmen, sei es von schon börsennotierten Gesellschaften oder sei es von neuen Unternehmen mittels Initial Public Offering (IPO).

Es folgte in den Jahren 1985 sowie 1989 ein wahres Kursfeuerwerk mit Indexanstiegen von jeweils über 100 Prozent, die Wiener Börse war auf einmal wieder wer, und vermeintlich wurde des Altkabarettmeisters Karl Farkas wie immer treffenden Worte, „An der Wiener Börse ist es so still, daß man sogar die Kurse fallen hört“ genauso widerlegt wie das Aktienmuffeltum der Österreicher.

Jim Rogers und George Soros

Die Zeit mit George Soros war für Jim Rogers eine gute Zeit – auch in finanzieller Hinsicht. „Ich will mehr als ein Leben“, heißt sein Motto, und deshalb „privatisiert“ er, der 59jährige, seit er 37 Jahre alt ist. Seine Hauptbeschäftigung besteht in der Verwaltung seines Vermögens, ohne jedoch auf ein laufendes Einkommen zu verzichten. Er unterrichtet an der Columbia University in New York und hatte bis 1998 im bis vor kurzem noch populären, weil vermeintlich reichmachenden amerikanischen TV-Kanal CNBC eine eigene Sendung. Seine wahre Leidenschaft ist jedoch das Reisen, allerdings auf höchst unkonventionelle Art. Rogers machte sich 1989 auf zu einer Reise rund um den Globus mit seinem BMW-Motorrad und schrieb danach den Bestseller „Investment Biker – on the road with Jim Rogers“. Nach 1101 Tagen, in denen Jim Rogers an der Seite seiner neuen Lebenspartnerin Paige Parker 116 Länder bereisten und 245000 Kilometer zurücklegten, kehrte das Paar Anfang dieses Jahres nach New York zurück. Die beiden waren am 1.Januar 1999 zu dieser Marathon-Tour mit einem dafür speziell umgebauten Mercedes gestartet. Seine Fan-Gemeinde hielt und hält Jim Rogers während dieser Zeit via Internet ( www.jimrogers.com) auf dem Laufenden.

Jim Rogers und die Wiener Börse

17 Jahre nach Rogers‘ legendärer Empfehlung für das mittlerweile von Börsianern verwaiste Haus am Schottenring weiß man es wiederum besser, auch wenn es schwer fällt, es wahrzuhaben: die Wiener Börse ist längst erneut in die Bedeutungslosigkeit zurückgefallen, und daran wird auch die erneute Empfehlung durch den schlauen amerikanischen Aktienfachmann nichts ändern. Um so mehr, wenn man genau seinen Worten und darüber hinaus seiner Strategie in all den vorangegangenen Jahren folgte. Rogers agiert mehrheitlich im antizyklischen Sinn, daß heißt er empfiehlt insbesondere über lange Zeit vernachlässigte oder – siehe Wien 1985 – gar unentdeckte Märkte, und nützt seine weltweit nicht unerhebliche Popularität natürlich aus. Die Wiener Börse 2002, obwohl erneut im internationalen Vergleich absolut wie auch relativ günstig bewertet, zählt weder Rogers noch sonst jemand zu den unentdeckten Finanzplätzen. Aber die günstige Bewertung hat neben der in Zukunft mit Aktieninvestments in heimische Werte verbindlichen privaten Pensionsvorsorge offensichtlich Rogers in seiner Meinung bestärkt, daß in jedem Fall das Verlustpotential des hiesigen Marktes wie schon in den zweieinhalb Baissejahren zuvor äußerst limitiert zu sein scheint. Und damit unterscheidet sich Wien nicht nur aus Rogers‘ Sicht der Dinge ganz wesentlich von jener der meisten Börsen, die sich nach wie vor nicht am Ende einer, sondern unverändert inmitten eines Baissezyklus befinden!

Nachlese

--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?
--> Schieß’ nicht auf den Analysten!
--> Shares kann go down!
--> Out: Börsengurus ! In: Börsengurus !
--> Über weinpredigende Contrarians und wasserkochende Institutionelle
--> US-Zinsen, bitte steigen!
--> Buy high, sell low......!
--> Wieviel sind 3.500 Milliarden Dollar?
--> Quo Vadis Börse?
--> Wieder Ordnung an der Fußballbörse
--> Auf Resignation naht die Wende
--> Jede schlechte Nachricht hat ihr Gutes
--> Hört die Deflations-Signale

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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