Eine Frau regiert die Olympiastadt Athen

12. August 2003, 11:28
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Dora Bakogianni als Trumpf der griechischen Konservativen

Mit Dóra Bakoyánni spielte die konservative Néa Demokratía einen Trumpf im Spiel um das Athener Rathaus aus. Sie bestätigte das Vertrauen der Parteispitze und wurde mit mehr als 60 Prozent der Stimmen gewählt. Als erste Frau in der Stadtgeschichte wird sie nun ab 1.Jänner 2003 die Geschicke der griechischen Metropole in die Hand nehmen. Entscheidendes Motiv für die Kandidatur von Bakoyánni stellte die Austragung der Olympischen Spiele 2004 in Athen dar. Diese Herausforderung wollte sich die Tochter des Expremiers Konstantínos Mitsotákis nicht entgehen lassen.

Systematisches Denken aus der "deutschen Kultur"

In ihrem Büro hängen mehrere Stiche mit Stadtansichten aus dem 19. Jahrhundert, auf denen romantische Stimmung dominiert. Völlig anders ist die Lage heute. Den Zementmoloch könne sie nicht wegradieren, sagt Bakoyánni, aber "wir können daran arbeiten, dass die Häuser Grünflächen auf den Dachterrassen bekommen und mehr Farbe". Den "bunten Vogel" in sich domestiziert sie durch systematisches Denken: "Man sagt mir manchmal, das ist meine deutsche Kultur." Ihr Vater ließ das Kind Dóra durch eine deutsche Gouvernante betreuen; sie absolvierte die Deutsche Schule Athen und studierte politische Wissenschaften in München.

Während der Militärdiktatur (1967-1974) lebte sie mit ihrem Vater im Pariser Exil. Nach dem Fall der Junta heiratete sie den Journalisten und Politiker Pávlos Bakoyánnis, der 1989 von der Terrorgruppe "17. November" ermordet wurde. Sein Tod bestärkte sie, als seine "Nachfolgerin" in die Politik einzusteigen.

Mit einem ehrgeizigen Programm will Bakoyánni nun die Metropole in zwei Jahren so verändern, dass sich Einheimische und Gäste in sie verlieben. Keine leichte Aufgabe: Nur einer von drei Bewohnern empfindet derzeit erotische Gefühle für Athen. Mit "Dóra" als Bürgermeisterin, so glauben offensichtlich viele, könne sich etwas zum Besseren wenden.

Auf die Frage, welches Problem sie als Erstes angehen würde, antwortet Bakoyánni "Alle!", denn die Zeit dränge. Was faul sei in dieser Stadt, sei nicht schwer festzustellen. Mit staatlichen Mitteln, aber auch Zuschüssen aus Brüssel will sie Parkplätze schaffen, "um den alltäglichen Verkehrswahnsinn zu mindern"; außerdem stehen städtebauliche Eingriffe und Müll-Recycling auf dem Programm.

Amt gilt als Sprungbrett für "Höheres"

Wegen der enormen symbolischen Bedeutung Athens gilt der Bürgermeisterposten in der Hauptstadt seit jeher als Sprungbrett für höhere politische Weihen. Es ist klar, dass "Dóra" nach Abschluss der Mission in der Kommunalpolitik anderen Sphären zustreben wird; in ihr sehen viele schon den ersten weiblichen Regierungschef des Landes. "Ich werde nicht ewig Bürgermeisterin bleiben", sagt Bakoyánni selbst. (Robert Stadler, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 22.10.2002)

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    Dora Bakogianni
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