"Manche Ecken muss man meiden"

23. Oktober 2002, 13:18
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In Floridsdorf gibt es massive Probleme mit rechtsextremen Skinheads

Wien - Auf dem Sofa liegt ein Bündel Stöcke. Fabian nickt: „Wenn sie wiederkommen, wehren wir uns.“Sie, das sind die lokalen Skins. Plattenbaujugendliche. Statt Springerstiefeln tragen sie Turnschuhe. „Pit Bull“ oder „Lonsdale“ steht auf den Jacken. Manchmal. Man erkennt sie aber auch so. An Straßenecken, bei Umsteigebahnhöfen oder in Parks. „Gabba Skins“ ist der aktuelle Name. Der ist austauschbar.Fabian ist 18 Jahre alt und Student. Am Samstag hatte er Glück: Da kam er erst ins Lokal der sozialistischen Jugend in Floridsdorf, als die Polizei schon da war. Weil die Beamten, seufzt Fabian, „nicht mehr gemütlich gehen, wenn wir anrufen, sondern rennen.“

Auch letzten Samstag war die Polizei schnell in dem kleinen Lokal im tristen Einkaufspark an der Brünner Straße. Aber nicht schnell genug: Ulrich (19, Angestellter) kann kaum gehen. Thomas (16, Schüler) versteckt ein blaues Aug und ein recht verschwollenes Gesicht hinter seinen Haaren. Andere habe es auch „ganz schön erwischt.“ Am Samstag. Als die Skins zuschlugen. Wieder einmal. „Heil Haider“, haben sie dabei gerufen.

Mit Eskorte nach Hause

Begonnen, erzählt Fabian, habe es im Frühjahr: Immer wieder wurden Scheiben eingeschlagen. Flogen Flaschen. Wurden Jugendliche „abgepasst“. Am Anfang, erzählt Fabian, habe die Polizei das nicht ernst genommen. Mittlerweile würden Jugendliche manchmal per Dienstwagen nach Hause eskortiert. „Manche Ecken muss man großräumig meiden.“

Das, betont man im Parteijugendlokal, gelte nicht nur für SJ-Mitglieder: Langhaarige, Ausländer oder Leute, die sich einmischen, hätten es schon länger nicht leicht rund um die Floridsdorfer Ghettosiedlungen. „Es redet halt keiner drüber - aber das Problem mit rechten Skins und Hools ist da und wird größer.“

Das lokale SJ-Lokal, erklärt auch SJ-Landessekretär Florian Wenninger, sei da nur die Spitze eines Eisberges: „Kein Mensch kümmert sich um das, was im zehnten oder elften Bezirk immer wieder passiert. Bei ein paar ,aufgemischten’ Türken macht keiner eine Presseaussendung.“ Auch innerhalb der Wiener SPÖ tue man sich schwer, zu akzeptieren, dass Schläger-Gangs mit ausländerfeindlichem Vokabular in den Bauten längst zum Jugend-Alltag gehören.

Keine Übertreibung

Dass die Jungsozialisten keineswegs übertreiben bestätigt man dafür im für mobile Jugendarbeit zuständigen Referat des Jugendamtes: „Wir bekommen wöchentlich Meldungen aus ganz Wien. Wir sind uns des Problems bewusst: Die Szene wächst“, erklärt Manuela Cohnen von der MA 13. Deshalb plane man auch die Zahl der Sozialarbeiter, die sich mit gewaltbereiten (rechts-)extremen Kids auseinandersetzen, zu verdoppeln. Derzeitiger Stand: Drei Sozialarbeiter. Frau Cohnen seufzt.

Das Wort „rechtsextrem“ hört man in Bezug auf die vergangenen Samstag festgenommenen Skins im staatspolizeilichen Jugendbandenreferat übrigens nicht gern: Frust, Perspektivlosigkeit und Alkohol, erklärt Referatsleiter Gerd Zander, würden schlicht Aggressionen und provokante Sprüche fördern. „Wenn ich denen genug Alkohol gebe, gestehen die den Anschlag aufs World Trade Center.“ Freilich: Zumindest einer der Festgenommenen von Samstag ist wegen einschlägiger rechtsextremer „Provokationen“ seit langem amtsbekannt. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2002)

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