Unabhängigkeit auf Eis

21. Oktober 2002, 19:21
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Das Projekt der Souveränität Montenegros ruht für drei Jahre - aber keinen Tag länger - von Andrej Ivanji

Mit seiner Unterschrift auf dem durch die EU vermittelten Belgrader Abkommen zwischen Serbien und Montenegro hat sich Präsident Milo Djukanovic verpflichtet, das Projekt der Souveränität Montenegros für drei Jahre auf Eis zu legen. Das gedenkt er auch zu tun - aber keinen Tag länger.

Die EU besteht auf einem Fortbestehen der Bundesrepublik Jugoslawien, weil die Unabhängigkeit Montenegros eine sezessionistische Kettenreaktion in Bosnien, dem Kosovo und Mazedonien auslösen könnte. Der auf die Schnelle zusammengebastelte Staatenbund enthält allerdings für Montenegro fast alle Elemente der Unabhängigkeit, außer einem eigenen Sitz in der UNO: Die Teilrepublik hat eine eigene Währung und ein eigenes Banksystem, einen selbstständigen Zoll, ein eigenes Rechts-und Schulwesen etc. Außerdem soll das zehnmal kleinere Montenegro aufgrund des Belgrader Abkommens gleichberechtigt mit Serbien in den Bundesinstitutionen vertreten sein und ein Veto in allen wichtigen Entscheidungen einlegen können.

Damit kann Djukanovic leben. Er wird sich davor hüten, den europäischen Institutionen hinsichtlich der Unabhängigkeitsfrage zu trotzen und die finanzielle Unterstützung für Montenegro infrage zu stellen. Er wird mit Serbien gerade so viel wie unbedingt gefordert, aber so wenig wie irgendwie möglich kooperieren - und abwarten, bis ihm die Selbstständigkeit Montenegros wie eine reife Frucht in den Schoß fällt.

Denn erstens wächst die Unzufriedenheit der zehn Millionen Bürger Serbiens, sich permanent von rund 600.000 Montenegrinern "erpressen" zu lassen. Zweitens bestätigten diese Wahlen in Montenegro Djukanovic' Unabhängigkeitspolitik. Und drittens weiß dieser nur zu gut, dass der seltsame Staatenbund Serbien-Montenegro nur auf dem Papier existiert und allein durch den Druck der EU auf beide Teilrepubliken zusammengehalten weden kann. (DERSTANDARD, Printausgabe, 22.10.2002)

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