Im verdienten Hundehimmel

22. Oktober 2002, 18:44
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22.10.2002 - Als hätten die Politiker vor Wahlen nicht ohnehin genug Auftritte zu absolvieren, müssen sie auch noch springen, wenn die "Kronen Zeitung" pfeift

Und da Viecher zwischen Kolumnen schreibenden geistlichen Herren und nackten Frauen von nebenan sich auf das Geschäft immer belebend auswirken, haben jetzt wieder die Patenschaften Hochsaison. Den politischen Rohling möchten wir einmal sehen, der es wagte, sich zu verweigern, wenn der Mann, der lieber seinen Hund streichelt als Macht auszuüben, Macht ausübt und zum kombinierten Dressurakt Tier und Spitzenkandidat ruft.

Für das Samstagblatt durfte der Mann mit dem Handschlag vor der Kulisse des Stadtparks einen politischen Auftrag entgegennehmen, dem er zweifellos eher gewachsen ist als Problemen der Forschung. "Bitte hilf uns, damit wir endlich ein Bundestierschutzgesetz bekommen", könnte dieser herzige Retriever FPÖ-Chef Mathias Reichhold ins Ohr flüstern, war unter der Abbildung des einschlägigen Tete-`a-tete zu lesen. Das Versprechen, das der Reichholdflüsterer dafür empfing, war leider wenig ermutigend: Der neue blaue Spitzenpolitiker verspricht, im Falle eines Wahlerfolges alles dafür zu tun. Es reichte aber, denn Reichhold war klug genug, es nicht dem herzigen Retriever, sondern der herzigen "Krone" zu flüstern. Und um zu zeigen, dass sein Handschlag zählt: Reichhold übernahm auch eine Patenschaft für einen Schützling der "Krone"-Tierecke. Irgendwer muss ja für Dichands Unkosten aufkommen.

Zwei Tage später gelang es Alfred Gusenbauer spielend, vor der Kulisse einer Savanne das erstrahlen zu lassen, was ihm von seinen Feinden abgesprochen wird. In der Hand hielt er eine Urkunde, die ihn als Träger einer Patenschaft nicht für einen ordinären Retriever, für ein trübsinniges Eichkatzerl oder sonstiges Kleinvieh auswies, sondern als den Paten - der Löwin "Kleopatra". Was ihm spätestens seit gestern nicht nur das Charisma eines Löwen verleiht, sondern auch das von so erfolgreichen Spitzenpolitikern wie Julius Cäsar und Marcus Antonius. Zum ungeplanten Ende von deren Patenschaften wäre beruhigend anzumerken, dass sich die Geschichte nicht wiederholt, oder höchstens als Farce.

Auch inhaltlich war Gusenbauer aus dem Handgelenk schlagfertiger als der Mann mit dem Handschlag. SP-Chef fordert einen "Vertrag" über besseren Schutz der Tiere, hieß es da. Gusenbauer will jetzt einen Vertrag präsentieren, in dem die Schaffung eines bundesweit einheitlichen Tierschutzgesetzes verankert ist. Noch vor den Wahlen und am besten auch mit der Unterschrift der anderen Parteien. "Wer sich aktiv für den Tierschutz einsetzt, kann ja mit ruhigem Gewissen unterschreiben. Für uns ist dieser Vertrag jedenfalls verpflichtend!"

Und da hört man so oft, dieser Wahlkampf entbehre der Inhalte! Jedenfalls sind fürs erste - bis die anderen Parteien bei Gusenbauer unterschreiben - die Fronten klar: Hie der Pate Kleopatras, dort die föderalistischen Tierquäler mit Wolfgang Schüssel an der Spitze. Das sollte den Meinungsforschern bis zum 24. November die Arbeit ein wenig erleichtern.

Übrigens: Wenn die ÖVP glaubt, sie könnte zurückschlagen und noch rasch die Patenschaft über First Dog Grolli übernehmen, kommt sie zu spät. In der Sonntags-"Krone" überbrachte der Adabei die traurige Nachricht, dass der neunjährige Hund, den ein aufstrebender österreichischer Politiker seiner jungen hundenarrischen Geliebten schenkte, bevor er sie im Mai 1995 heiratete, an einem bösartigen Tumor mit tierärztlicher Hilfe verstarb und in den verdienten Hundehimmel einging. Versehen mit den Tröstungen des heiligen Kleinformats: Wein nicht um mich, Sonja Klima!

Die "Krone" betreibt aber nicht nur Patenschaftsvermittlung mit Tieren. In Kombination mit Michael Häupl, Werner Faymann und Erwin Pröll betreut sie auch den Wienerwald, was in den letzten Monaten mit Herannahen des exakt feststehenden Jubiläums "1000 Jahre Wienerwald" so aussah, dass in personeller Vorwegnahme der vom Herausgeber gewünschten großen Koalition Häupl und Pröll abwechselnd und abgelichtet in unmittelbarer Nähe von Baumstrünken sagen durften, es müsse etwas geschehen. Da Sonntag der Wienerwald auf den Tag genau 1000 Jahre existierte, musste etwas geschehen, was sich am Vortag in der an Häupl und Pröll gerichteten Aufforderung niederschlug: Bewahrung des Wienerwaldes: "Es muss etwas geschehen!"

Und jetzt - das Wunder vom Wienerwald! Schon am Sonntag sah der Leser Häupl und Faymann in wohl koordinierter apotropäischer Pose, mitten im Grünzeug gierigen Bauherren Einhalt gebietend. Dazu die Erklärung: Der Hilfeschrei aus dem Wurzbachtal ist nicht ungehört verhallt! Rechtzeitig zum heutigen großen Jubiläumsfest "1000 Jahre Wienerwald" rettet Bürgermeister Michael Häupl dieses am westlichen Stadtrand gelegene Stück unserer grünen Lunge.

So etwas erledigen die beiden in der Nacht von Samstag auf Sonntag - o welche Stadtväter! Aber um ehrlich zu sein, sie haben ein paar Tage vorher geübt. Anlässlich der Verleihung des heurigen Kleingartenpreises brachte die "Krone" ein großes Foto der Sieger, umrahmt von Häupl und Faymann. Dazu hieß es im Text: Neben den beliebten Gartenzwergen warteten natürlich auch Geldpreise auf die Gewinner.

(DER STANDARD, Printausgabe vom 22.10.2002)

Von Günter Traxler
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