Schmatzen am Meeresgrund

21. Oktober 2002, 19:06
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Forscher untersuchen Überlebensstrategien in der Tiefsee

Bremen - In 6500 Metern Meerestiefe entdeckten japanische Biologen eine der Welt bis dahin völlig unbekannte Schneckenart. Wie kann das Tier bei diesem gewaltigen Druck und kargen Nahrungsangebot überhaupt leben? Noch weiß man nichts Genaues, lediglich ein Foto konnte von dem Weichtier geschossen werden.

Obwohl Ozeane rund 70 Prozent der Erdoberfläche einnehmen und mehr als 80 Prozent davon tiefer als 3000 Meter sind, ist die Erforschung der Tiefsee noch eine recht junge Disziplin der Wissenschaft, da der technische Aufwand vergleichsweise hoch ist. Doch es geht voran. Nach der Schnecke wurden nun neue Lebewesen in der lebensfeindlichen Umgebung entdeckt: Flohkrebse - und man fand auch ein wenig über deren Überlebensstrategie heraus.

Gefressen wird dort unten fast nur, was oben übrig bleibt und absinkt. Das können zum einen Algen sein, die im Frühling in Massen auftreten und bei ihrem Tod zu großen Zusammenschlüssen verkleben und in die Tiefe absinken. Außerdem kommt es in der Tiefsee zu von Meeresbiologen genannten "large food falls", das sind absinkende Kadaver von Fischen oder Walen. Eine wichtige, auf die Verwertung dieser Nahrung spezialisierte Gruppe sind Flohkrebse.

Einer der imposantesten ist der Riesenflohkrebs Eurythenes gryllus. Er kommt vorwiegend in Meerestiefen ab 3000 Metern vor und kann 15 Zentimeter lang werden. Um diese Tiere studieren zu können, entwickelten Wissenschafter mit Kadavern bestückte Tiefsee-Messsonden. So konnten sie herausfinden, dass innerhalb von wenigen Stunden diese gefräßigen Tiere den Kadaver umzingeln und nach spätestens einem Tag nur noch ein paar Gräten von dem Fisch übrig sind.

Riechen und hören

Da es jedoch nur sehr selten vorkommt, dass große Kadaver in die Tiefsee absinken und die Flohkrebse dort unten sehr weit verstreut sind, haben sie besondere Fähigkeiten entwickeln müssen, um schnell beim Kadaver zu sein. Wissenschafter gehen davon aus, dass die Tiere das As riechen. Dabei dürften sie von "hydroakustischen Reize" unterstützt werden - in diesem Fall wären die Tiere in der Lage, über weite Entfernungen das Aufschlagen eines Kadavers auf dem Meeresboden zu hören. Und es wird diskutiert, dass die Orientierung in der näheren Umgebung der Beute über die Wahrnehmung der Fressgeräusche von Artgenossen abläuft - ein verräterisches Schmatzen.

Die Tiere dürften einen sehr angepassten Stoffwechsel haben, der es ihnen ermöglicht, in kürzester Zeit extrem viel zu fressen und zu verdauen. Das wäre notwendig, damit das Tier innerhalb kürzester Zeit trotz immenser Völlerei wieder seine normale Schwimmgeschwindigkeit erreicht.

Durch die weitere Erforschung dieser Tiere wollen Forscher mehr über Überlebensstrategien von Lebewesen in lebensfeindlicher Umgebung erfahren. (büh/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 10. 2002)

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