Pädophil durch Hirntumor?

21. Oktober 2002, 18:56
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"New Scientist"-Bericht über 40-jährigen Mann, dessen plötzlich aufgetauchte Neigung nach der Operation wieder verschwand

London - Hirntumore scheinen pädophiles Verhalten auslösen zu können. Wie das britische Wissenschaftsmagazin "New Scientist" am Montag in seiner Online-Ausgabe berichtete, entwickelte ein 40-jähriger Lehrer unter dem Einfluss eines schweren Hirntumors zuvor - zumindest soweit bekannt - nicht vorhandene pädophile Neigungen. Durch eine Operation konnte er geheilt werden, wurde aber durch ein Nachwachsen des Tumors "rückfällig" und durch eine weitere Operation erneut kuriert.

Der Patient, dessen Nationalität nicht bekannt gegeben wurde, verlor den wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge unter dem Einfluss eines Hühnerei-großen Tumors jegliche Hemmung. Ganz offensichtlich sei die Pädophilie in Verbindung mit dem Hirnschaden gestanden, zitierte das Blatt die Neurologen Russell Swerdlow und Jeffrey Burns von der US-Universität von Virginia.

Fallgeschichte

Der verheiratete Patient hatte dem Bericht zufolge zunächst heimlich angefangen, Internet-Seiten mit Kinderpornos anzuschauen und Prostituierte in Massagesalons aufzusuchen. Als er sich an kleine Kinder heranmachte, wurde er aus seinem Haus geworfen und wegen Belästigung verurteilt. Der Patient erhielt triebhemmende Medikamente. Selbst ein Programm für Anonyme Sex-Süchtige konnte keine grundlegende Änderung bewirken; nachdem er dort Kursteilnehmerinnen zum Sex aufforderte, ordnete ein Richter seine Einlieferung ins Gefängnis an.

Kurz vor dem Hafttermin meldete sich der Mann in einem Krankenhaus. Er beschwerte sich über heftige Kopfschmerzen und sagte, er habe Angst, er könnte seine Vermieterin vergewaltigen. In psychiatrischer Behandlung klagte er über Gleichgewichtsstörungen. Beim Scannen mit Magnetresonanz-Tomographie (Magnetic Resonance Imaging, MRI) wurde der riesige Tumor entdeckt. Tests ergaben, dass er auch Probleme beim Schreiben und Abzeichnen hatte und seinen Harndrang nicht kontrollieren konnte.

Auf und Ab

Nach der Entfernung des Krebsgeschwürs absolvierte der Patient zunächst erfolgreich das Programm für anonyme Sex-Süchtige und konnte wieder nach Hause gehen. Im Oktober vergangenen Jahres klagte er jedoch erneut über Kopfschmerzen und sammelte wieder heimlich pornografische Bilder. Der Tumor war nachgewachsen; das Verhalten des Lehrers normalisierte sich erst nach einer weiteren Operation.

Das Krebsgeschwür fand sich den Angaben zufolge im rechten Lappen der vorderen Hirnrinde (Orbifrontaler Kortex); diese Hirnregion ist zuständig für Urteilsfähigkeit, die Steuerung von Impulsen und soziales Verhalten. Der Patient merkte nach Ansicht Swerdlows zwar, dass sein Verhalten unakzeptabel wurde, der Triebdrang war aber stärker. "Wir haben es hier mit einem Problem an der Grenze von Nervenkunde und Moral zu tun", sagte Swerdlow. Sein Kollege Burns wies darauf hin, dass dieser Patient - im Gegensatz zu den meisten Pädophilen - zunächst eine "normale Geschichte" gehabt habe. Bei Pädophilen werde diese Neigung sonst schon "früh im Leben" ausgeprägt. (APA)

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