Diplomatie mit Substanz

22. Oktober 2002, 15:41
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Hans Rauscher analysiert in seiner Kolumne die österreichische Außenpolitik der letzten Jahre

Außenministerin Benita Ferrero-Waldner klagte kürzlich über die Enttäuschung, dass der mit einem österreichischen Orden bedachte Gianfranco Fini sich mit einer aggressiv-höhnischen in Haltung in Bozen ("Siegesplatz") "bedankt" hatte. Das hätte man von einer "befreundeten Regierung" nicht erwartet, seufzte die Außenministerin. Befreundet mit der Regierung Berlusconi/Fini/ Bossi? Befreundet mit einer Regierung, die gerade einen legalen Staatsstreich durchzieht, Berlusconi vor der Justiz zu schützen? Mit dem Postfaschisten Fini?

Das verrät ein beachtliches Maß an fehlendem Einschätzungsvermögen. Fehleinschätzungen sind allerdings nicht das exklusive Ressort von konservativen Außenpolitikern. Österreichs Sozialdemokraten haben sich in einer Sache von welthistorischer Bedeutung, dem Zusammenbruch des Kommunismus, fundamental verschätzt.

Zum Glück gibt es immer wieder professionelle Außenpolitiker, wenn auch manchmal einen Rang unter der Ministerebene. Österreichs Außenpolitik im letzten Dutzend Jahre hat den Balkan wiederentdeckt, und zwar ohne Rückfall in frühere unselige Verstrickungen. Großen Anteil daran hat Albert Rohan, der vor einem knappen Jahr wegen Erreichung der Altersgrenze ausgeschieden ist und nun ein amüsantes und bedenkenswertes Buch ("Diplomat am Rande der Weltpolitik", Molden-Verlag) über seine Erfahrungen geschrieben hat.

Die Familie Rohan stammt aus französischem Hochadel. Bei Herzmanovsky-Orlando gibt es eine Stelle, wonach der erste Rohan hinter der Arche Noah hergeschwommen sei, weil "ihm die Gesellschaft da drin zu frisch nobilitiert gewesen sei". Albert Rohan hingegen war und ist ein Vertreter eines offenen Zuganges und der "public diplomacy". Hinter dem Stil steckt aber auch Substanz, und besonders im letzten Jahrzehnt bemühte er sich um eine Rolle Österreichs am Balkan. Zuerst im Auftrag von Alois Mock um ein Management des Auseinanderfallens Jugoslawiens, dann mit Wolfgang Schüssel im aktiven Bemühen um Unterstützung der demokratischen Opposition in Serbien und Montenegro.

1999 lud Schüssel deren Führer nach Wien ein, und "die damals in seinem Büro versammelte Runde war mehr oder weniger identisch mit der serbischen Regierung nach der Wende des Jahres 2000" (Rohan). Österreich sei zu Recht oder zu Unrecht bezichtigt worden, die osteuropäischen Erweiterungskandidaten zu wenig unterstützt zu haben; der Erweiterungsprozess werde aber mit den zehn Beitritten von 2004 sowie Rumänien und Bulgarien nicht zu Ende sein: "Die Staaten des Balkan gehören genauso zu Europa. . . Auch haben wir in Mitteleuropa die Erfahrung gemacht, dass die europäische Perspektive das stärkste Motiv für ei- nen echten Reformprozess darstellt. . . Ich meine, dass wir es den Völkern des Balkans schuldig sind, sie nicht wie Barbaren zu behandeln, denen eine Überwindung alter Blutfehden nicht zugetraut werden kann." Daher müsse man weiter auf Rechtstaatlichkeit und damit auch auf Bestrafung der Schuldigen drängen.

Auf dem Balkan habe Österreich noch eine Chance, seine angebliche oder tatsächliche besondere Kompetenz in diesem Raum zu beweisen, schreibt Rohan: "Es wird sicherlich noch Jahrzehnte dauern, bis alle Folgen des tragischen Konflikts auf dem Balkan überwunden sind. In dieser Zeit wird es zahlreiche Gelegenheiten geben, zu helfen und die Stimme für die Freunde auf dem Balkan zu erheben. . . Politische Kommentatoren sollen in zehn Jahren nicht sagen dürfen, dass Österreich seine Chancen in Südosteuropa nicht wahrgenommen habe."

hans.rauscher@derStandard.at

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