Laxenburger Herbst

21. Oktober 2002, 22:03
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Das ganze, freuten wir uns, war vollkommen überdreht romantisch-kitschig. So, dass man vom Hinschauen Zahnweh bekommen konnte...

Aber man muss doch mit der Zeit gehen. Zumindest ein bisserl. Die Frau mit der Kapitänsmütze seufzte. Ich sag Ihnen mal was, sagte sie dann, die arbeiten hier, als wäre die Zeit vor 20 Jahren stehen geblieben. Sowas, sagte die Frau mit der Kapitänsmütze, kann man doch heute nicht mehr machen. Da kommt bald gar keiner mehr. Dann ging sie ans andere Ende der Fähre um zu schauen, ob bei dem kleinen Rumpler, mit dem ihre Fähre die Ankunft an der Anlegestelle bestätigte, auch wirklich niemand zu schaden kam. Das Klo, sagte sie und zeigte ungefähr in Richtung Burghof, das Klo ist noch offen. Aber sonst ist alles zu. Das Kaffeehaus sowieso. Schon lange. Dafür wollen Sie jetzt die Preise anheben. Dann kommt bald keiner mehr. Sowas kann man doch nicht machen. Die Glocke am anderen Ufer läutete. Einen schönen Tag noch, sagte die Frau mit der Kapitänsmütze und legte wieder ab.

Es war Samstag. Wir müssen raus, hatte A. gesagt. Aber weit wollten wir nicht fahren. Auf dem Tisch ein Bilderbuch: Luftaufnahmen von Wien und dem Umland. Zufällig war da ein Zauberschloss aufgeschlagen. Laxenburg. Gott, sagte A., ich war schon seit Ewigkeiten nicht mehr dort. Glaubst du, fährt die Fähre noch?

Beim Zahnwehschloss

Laxenburg war noch schöner, als in verklärten Kindheitserinnerungen. Warme, weiche Herbstfarben, Sonne, Wiesen, raschelndes Laub, wundervolle Pappelalleen an spiegelglatten Kanälen, pittoreske Brücklein und Grotten, Schwäne zwischen den Inseln - und natürlich: die Burg. Alles Nachbauten. Alles Fälschungen - aber wen stört das schon. Die Fähre, machte A. einen kleinen Luftsprung, war auch noch da. Und fuhr. Das ganze, freuten wir uns, war vollkommen überdreht romantisch-kitschig. So, dass man vom Hinschauen Zahnweh bekommen konnte. Manchmal ist das einfach nur schön.

Das komische war nur: Wir waren alleine. Nicht ganz, aber doch beinahe. Trotz Kaiser(herbst)wetter waren Wege und Bänke eigentlich nur spärlich bevölkert. (Nicht, dass uns das gestört hätte - aber verwunderlich war es schon.) A. bimmelte nach der Fähre.

Das mit den wenigen Leuten, erklärte uns die Frau mit der Kapitänsmütze ungefragt, sei meistens so. Laxenburg sei eben eine schlafende Schönheit. Eine, die in Vergessenheit zu geraten drohe. Wenn Besucher ausblieben, sagte die Frau mit der Kapitänsmütze, setze man aber nicht auf Werbung und Aktivitäten, die dem Zauber des Ortes entsprächen, sondern rede über Preissteigerungen an ­- oder sperre zu: Fähre, Mietboote und Eintritt sollen teurer werden, das Kaffeehaus beim Schloss zu, der Snackpavillon voraussichtlich im Winter gesperrt (Ja, sagte die Frau mit der Kapitänsmütze, ich weiß, dass das die Eisläufer treffen wird). Überhaupt sei wie hier gewirtschaftet werde klassisches altes Denken. Leider, sagte die Frau mit der Kapitänsmütze.

Das zugige Holzhüttchen

Ja, bestätigte die Frau am Büffet wenig später, es ist sehr leicht möglich, dass wir im Winter hier auch an den Wochenenden zusperren. Ich, sagte sie, würde ja am liebsten immer offen halten. Das zugige Holzhüttchen am Ufer des großen Teichs, meinte sie, sei doch der schönste Arbeitsplatz der Welt hier ­- aber die, die das entscheiden, verstünden das nicht. Vielleicht, aber das sagte sie nicht, weil sie nicht hier sondern in irgendwelchen Büros sitzen. Draußen schwammen Schwäne in die Sonne. Auf einer Bank hielt ein Pärchen den Griff des Kinderwagens ganz ganz fest und lächelte.

Ein paar Schritte hinter der Franzensburg mit ihren märchenhaft-absurden Zinnen, Türmen und Türmchen liegt der beinahe echt aussehende ritterliche Turnierplatz. Der Maschendrahtzaun mit den offenen Toren hält niemanden ab, in der Herbstsonne faul Ritter- und Burgfräuleinphantasien zu spinnen. Er macht nur das Bild und den Traum kaputt.

NACHLESE

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Schlosspark Laxenburg Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

Dienstags auf derStandard.at/Panorama

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