"Schau in den Spiegel und lerne, wer du bist!"

22. Oktober 2002, 10:14
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Der Jazzpianist Randy Weston im STANDARD - Gespräch

Jazzpianist Randy Weston gastierte im Porgy & Bess: Nach wie vor ist er einer der wesentlichen Vertreter jener Kunst, die auf intelligente Jazzart und -weise die Verbindung zum Mutterland Afrika sucht. Ein Gespräch.


Wien - "Natürlich ist das ein Blues!" Der Kontext macht die Aussage. Im Munde Randy Westons gerinnen auch jene schlichten Worte, mit denen er das Stück African Village Bedford-Stuyvesant beschreibt, zum Schlüsselsatz: Es ist eine Hommage an jenen Teil in New York Citys Städtekonglomerat, an dem er vor 76 Jahren geboren wurde, "wo alles, was wir taten, innerhalb der schwarzen Community geschah. Tanzen, Schule, Sport. Es war wie ein afrikanisches Dorf in Brooklyn."

Zumal sich im Restaurant, das sein Vater Ende der 40er-Jahre leitete, Gott und die Jazzwelt trafen: "In Brooklyn gab es sogar mehr Klubs als in Harlem. Die Musik war überall", so Weston. "Ich verbrachte drei Jahre mit Thelonious Monk. Er gab mir keine Klavierstunde, aber jeder Tag war eine Lektion - dadurch dass ich bei ihm war, ihn beobachtete." Als sich Weston 1954 entschloss, Profipianist zu werden, hörte er in sich längst auch einen anderen Blues.

"Mein Vater war Anhänger von Marcus Garvey. Er sagte: 'Du bist ein Afrikaner, der in Amerika geboren wurde: Schau in den Spiegel und lerne, wer du bist.' Er meinte, man müsse die Sklaverei im Kopf abschütteln, indem man sich seiner Geschichte besinne. Also habe ich mich schon als Bub in Bücher über das alte Ägypten und Mali vertieft." Es war die Zeit des erwachenden afroamerikanischen Selbstbewusstseins, eine Zeit, in der es im Untergrund brodelte.

Weston war schon damals derjenige unter den Jazzpianisten, der die Frage des historischen Minderwertigkeitsgefühls der schwarzen Kultur am ernsthaftesten problematisierte. Vor allem durch Schulprojekte, in denen man jungen Afroamerikanern erzählte, worüber ihre Eltern oft schwiegen. 1961 kam Weston anlässlich einer Festivaleinladung nach Lagos erstmals nach Afrika; 1968 ließ er sich für vier Jahre im marokkanischen Tanger nieder, um mit dem African Rhythms Club die Idee eines transkontinentalen afrikanischen Kulturzentrums zu verwirklichen.

Lieber das Original

Schriftsteller Paul Bowles war gern gesehener Gast im Klub, während zu Rolling Stone-Ikone Brian Jones, der 1968 im nahe gelegenen Rif-Gebirge die Master Musicians of Joujouka aufnahm, kein Kontakt bestand. "Ich bevorzuge die Musik, wie sie original gemacht wurde. Auch wenn ich selbst mit Gnawa-Musikern aufnehme, weiß ich, dass ihre Musik dadurch nicht besser wird", sagt er, der aber die Frage nach der Kompatibilität von afrikanischer Musik und Jazz vom Tisch fegt:

"Es ist dieselbe Musik. Als ich Gnawa-Musik hörte, hörte ich Jimmy Blanton am Bass. Wenn du den echten traditionellen Südstaaten-Blues der 20er- und 30er-Jahre hörst: Pures Afrikas. Einige von uns haben Afrika nie verlassen. Und umgekehrt: Wenn du die afrikanischen Elemente aus Jazz, Calypso, Pop entfernst, was bleibt übrig? Nichts!" So romantisch Westons Philosophie anmuten mag, seine Musik beweist, dass er sie lebt. Wie im Porgy & Bess zu hören war: Rollende Ostinato-Figuren, knorrig-dissonante Akkord-Einwürfe à la Monk, ein perkussiver, oft polyrhythmischer Zugriff auf die Tasten, altertümliche Stride-Reminiszenzen, die immer wieder in Bluesyness kippen - ja, das alles riecht schlicht und doch unnachahmlich nach Erde, nach alten Zeiten.

In Randy Weston treffen sich Geist und Form in stimmiger Einheit. Es ist eine Message, die auch im Jahr 2002 - gerade angesichts der aktuellen US-amerikanischen Außenpolitik - aktuell geblieben ist, indem sie zunehmend globale Relevanz erhält. Im Jänner wurde im New Yorker Lincoln Center seine Auftragskomposition Ancient Future uraufgeführt, die neben Jazzmusikern und senegalesischen Trommlern mit einer chinesischen Pipa-Spielerin in der Besetzung aufwartet.

Weston: "Ich wollte zeigen, dass es vielerlei Verbindungen von Afrika zum Rest der Welt gibt. Die Menschen haben sich in verschiedene Richtungen entwickelt, doch wir alle stammen aus derselben Familie, sind mit dem Mutterland verbunden." (Andreas Felber/DER STANDARD; Printausgabe, 22.10.2002)

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    Der Jazzpianist Randy Weston

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