Die Sternenstaubentferner

21. Oktober 2002, 19:39
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Andrea Eckert, allein unterwegs: Strauß' "Groß und klein" im Wiener Volkstheater

Wien - Damals, als sich die Bundesrepublik Deutschland von der Symbolkraft Willy Brandts verabschiedet hatte, um mit dem Tabak schnupfenden Hamburger Helmut Schmidt sozusagen die Niederungen des Alltags zu betreten, stand die Gesellschaft auf der Kippe. Von nun an wies der "Deutsche Herbst" den Weg in den Frost - Deutschland, ein Wohlstands-Wintermärchen.

Und während die Wiesbadener Bundeskriminalbeamten ihre Ohren an die diversen Gesellschaftstüren legten, um sich an den Stimmen mutmaßlicher Aufrührer satt zu hören, erfand der Berliner Schaubühnen-Intellektuelle Botho Strauß 1978 eine Funken-Marie: ein leicht entzündliches Mädchen, an dessen Seele sich die anderen wie Schwefelhölzer rieben.

Seinen Ausbrüchen lauschte der Stimmenhörer ergriffen. Dem banalen Erwiderungsgeschwätz der leitenden Angestellten und Freizeitverwalter setzte er boshafte Sprühkerzen auf. Lottes Kreuzweg durch die Schneewüste der vereisten Herzen verfolgte er von Saarbrücken über Essen an die Nordseeküste, bis Lotte in einem Ambulatorium festsaß: Diese Frau, die an einem Zuviel von allem leidet, ist für die von Berufs wegen Zuständigen zu wenig krank.

Und Andrea Eckert, die Primadonna assoluta des Wiener Volkstheaters, sitzt zum Schluss wie ein freundlicher, ein wenig gezauster Wundervogel vor einer weiß aufblitzenden Wellpappen-stellwand. Sie stirbt den gesellschaftlich gebotenen Erkältungstod, der von Regisseur Frank Arnold auf zahllosen Stationen nebulos angebahnt wurde, mit ein wenig Peer-Gynt-Weißlicht und ein bisschen Eckert-Rosenrot. Gespickt ist der Kunstgewerbeabend mit kleinen Soli von Darstellungsbeamten, denen das bestechend klare Botho-Strauß-Deutsch, diese Brosamen der Halbgelehrsamkeit, wie Wiener Semmelbrösel aus dem Mund fallen.
Dabei beginnt "Lotte-Kottes" deutscher Winter im marokkanischen Touristensommer. Die Eckert, im pfirsichfarbenen Strandkleid, den angeklebten Zopf wie eine frivole Schlange kosend, tönt die verwunschene Lotte-Arie über einen bloß eingebildeten Lauschangriff durch deutsche "Logiker" zur gurgelnden Raserei hoch. Sie singt sich in ihrer Abgeschiedenheit von der Welt erregungsheiß und vergeigt im selben Krampf-Atemholen ihr bisschen Leben - dessen bürgerlicher Anwert auf der Zurechnungsvermutung beruht. Pech gehabt.

Denn die verlotternde Lotte in ihren Wühltischkleidern, Zimmer suchend und Erinnerungen nachjagend, die Zeichenmappe unter den Arm geklemmt, stiebt wie eine Flocke über die kahle Klinikumbühne (Gerhard Gollnhofer, Christine Dosch). Sie beschleicht ein froststarrendes Saarbrücker Gewohnheitsehepaar (Christiane Ostermayer, Thomas Stolzeti) bei der Morgentoilette. Sie jagt treppauf, treppab den Phantomen einer erklärtermaßen "offenen" Gesellschaft nach - und bekommt doch nur sich selbst und ihre bedrückende Einsamkeit zu fassen.

Ihr Mann, der sie verlassende Publizist Paul (Peter Gruber), gibt den verhärteten Egozentriker als frisch geföhnten Zimmermarschierer. Ihr späterer Lebensanker, der Baudezernent (Christoph Zadra), spielt den Chefetagensitzer mit Heinz-Erhard-Brille als feiste Wirtschaftswunderkerze im Stangenanzug. Und Lotte, die so völlig unglaubliche Strauß-Obszönsätze sagt wie: "Ich bin geschickt mit den Händen!" oder, religiös irre: "Ich bin eine Gerechte!", irrt durch diesen Eispalast und versprüht dann und wann ein paar Funken Sternenstaub.
Ein Glitzern von Lotte-Kotte. Ein Nichts von einer Aufführung. Ein zäher, um Höflichkeit ringender Applaus. (Ronald Pohl/DER STANDARD; Printausgabe, 22.10.2002)

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