Crédit Lyonnais muss blechen

21. Oktober 2002, 19:12
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Urteil: Französische Großbank muss Schadenersatz für ruinöse Börsenspekulationen zahlen

Paris - Wie so viele andere wollte das französische Ehepaar Marie-Christine und David - treue Kunden des Crédit Lyonnais - am Börsenboom teilhaben. Sie setzen dafür ihre Ersparnisse von 120.000 EURO ein. Über ihre Finanzberaterin kaufte das Paar vorerst Traditionswerte wie Lafarge (Zement) und Dexia (Finanz). Bald wurden sie risikofreudiger, kauften in der New Economy und tätigten gar Termingeschäfte.

Bald danach lag das Paar mit 56.000 Euro im Minus. Die Anlageberaterin ließ sich davon nicht beirren und riet den beiden, das Bausparbuch ihres minderjährigen Sohnes - natürlich nur vorübergehend - als neue Liquidität zu benützen. Aber es war wie verhext: Die Verluste stiegen und stiegen, sodass die Beraterin ihre Kunden nahe legte, einen Kredit aufzunehmen.

Schadenersatz

Im Jahr 2001 beliefen sich die Verluste von Marie-Christine und David schon auf 487.000 EURO. Jetzt erst griff die Bank ein: Sie beschlagnahmte alle Konten, löste die letzten Beteiligungen ein und meldete den Fall an die Nationalbank. Eine gütliche Einigung wurde abgelehnt. Als Reaktion klagten Marie-Christine und David ihre Bank und erhielten nun Recht. Das Instanzgericht der Pariser Vorstadt Créteil billigt ihnen Schadenersatz in der exakten Höhe ihrer Verluste von 487.265,55 EURO zu. Die Eingangsinvestition (122.000 EURO) erhalten sie aber nicht zurück.

Als Begründung führt das Gericht an, die Anlageberaterin sei nicht unbedingt ein Börsenprofi; trotzdem habe sie für das Durchschnittsehepaar nicht weniger als 30 Mio. Euro ein- und umgesetzt, was nebenbei zu Bankkommissionen und Gebühren von 680.000 Euro führte. Die ohne Zustimmung des Sohnes erfolgte Auflösung des Sparbuchs wäre allein Grund genug für ein Einschreiten der Bankdirektion gewesen. Die Zeitung Le Monde kommentiert, das Urteil drohe den Bankiers schlaflose Nächte zu bereiten. (Stefan Brändle, DER STANDARD, Printausgabe 22.10.2002)

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