Gerrymandering: Groteske Grenzen

21. Oktober 2002, 21:58
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In den meisten Bundesstaaten legen Lokalpolitiker die Wahlkreise neu - und oft willkürlich - fest

Der Republikaner Eldridge Gerry, Vizepräsident unter dem vierten Präsidenten der Vereinigten Staaten, James Madison, begründete eine politische Tradition, die sich über die Jahre in nahezu allen Wahlkreisen Amerikas durchgesetzt hat: Er teilte seinen Heimatstaat Massachusetts in Wahlbezirke ein, die seine eigene Partei begünstigten. Die daraus resultierende Aufteilung sah auf politisch-geografischen Plänen wie ein Salamander aus - und das aus "Gerry" und "Salamander" neu zusammen gestellte Wort bereicherte von nun an die amerikanischen Lexika.

Eigene Interessen

Alle zehn Jahre werden die amerikanischen Wahlbezirke neu festgelegt - jedoch, mit Ausnahme weniger Bundesstaaten, nicht von einer unabhängigen Behörde, sondern von den örtlichen Politikern, die natürlich danach trachten, die Grenzen möglichst so zu ziehen, dass es ihren eigenen Interessen entgegen kommt. Nicht selten führt das auch dazu, dass die Wahlbezirke groteske Formen annehmen - in Florida ist ein "District" 90 Meilen lang und nirgendwo breiter als drei Meilen.

Neue Computersoftware ermöglicht es, die Bevölkerungszusammensetzung in einem Bundesstaat nach allen möglichen Parametern zu analysieren und dann die Grenzen der Wahlbezirke so zu ziehen, dass der politische Konkurrent möglichst treffsicher ausgebootet wird.

Nur in einigen wenigen Staaten, insgesamt etwa einem halben Dutzend, gibt es ernstliche Bestrebungen, das unfaire System zu verändern. Dazu gehört zum Beispiel der drei Millionen Einwohner zählende Bundesstaat Iowa im Mittelwesten, wo ein überparteiliches Komitee die Einteilung der Wahlbezirke vornimmt. Durch dieses Prozedere kommt die jeweils dominierende Partei nicht in die Lage, sich einen Vorteil zuzuschanzen. In vier von den fünf Sitzen, die Iowa im US-Repräsentantenhaus einnimmt, gibt es derzeit einen echten Wettbewerb zwischen Republikanern und Demokraten. Iowa, wo der demokratische Senator Tom Harkin um sein Mandat kämpft, ist auch ein großes Hoffnungsgebiet der Republikaner in ihrem Ansinnen, die Mehrheit im Senat wieder zu gewinnen.

(DERSTANDARD, Printausgabe, 22.10.2002)
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