Der Griff nach dem menschlichen Erbgut

25. Oktober 2002, 12:09
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Wien - Der Griff nach dem menschlichen Erbgut: Manche Wissenschafter erwarten, dass die Zukunft der Gen-Diagnostik gehören wird. Viele Menschen haben Angst. Bei einem "Diskurstag" im Naturhistorischen Museum in Wien ging es am Donnerstag um das Thema "Gendiagnostik - Was geht mich das an?" In einem Einleitungsvortrag warnte der Innsbrucker Humangenetiker Univ.-Prof. Dr. Gerd Utermann vor zu vielen Erwartungen. Tollen Ankündigungen stünde oft wenig Wissenschaftlichkeit gegenüber.

Möglich ist nicht gleich machbar

"Die Schere zwischen dem technisch Möglichen und dem praktisch Machbaren wird immer größer. Die Aussagekraft von Gentests wird meistens überschätzt", sagte Utermann. Durch Information und "Diskurs" in Podiumsgesprächen wollen die Organisatoren vom Wissenschaftsministerium und vom Verein "Dialog Gentechnik" einen Beitrag zur rationalen Aufarbeitung des Themas Gendiagnostik leisten.

Utermann verwies auf die enormen technischen Fortschritte der jüngsten Vergangenheit bei den Methoden zur Analyse von Erbgut(abschnitten): "Mit der TAQMAN-Methode zum Beispiel kann man pro Tag bereits 1.000 bis 50.000 Menschen auf eine einzige Mutation untersuchen - oder 1.000 bis 50.000 Mutationen binnen eines Tages bei einer Person suchen. Das Prinzip ist immer gleich: Was ich feststellen will, ist eine Veränderung im Genom."

Im Labyrinth

Doch die vollmundigen Ankündigungen mancher Betreiber der Gendiagnostik sind laut Utermann oft sehr skeptisch zu beurteilen: "Was ist derzeit machbar? Wir kennen rund 4.000 monogene (auf einer genetischen Veränderung basierende, Anm.) Erkrankungen. Wir kennen aber derzeit nur rund 1.000 solcher Gene."

Da man für eine Gendiagnostik immer aber auch genau wissen sollte, wonach man sucht und welche Auswirkungen ein bestimmtes Gen hat, wird die Sache bei praktisch unendlich vielen möglichen Gen-Konstellationen - speziell bei Krankheiten mit vielen beteiligten ursächlichen Faktoren - schnell zu einem undurchschaubaren Labyrinth.

Der Innsbrucker Humangenetiker Univ.-Prof. Dr. Gerd Utermann: "Noch dazu gibt es zwischen den monogenen und den multifaktoriell bedingten Erkrankungen alle Übergänge." Abgesehen von der möglichen Diagnose von einzelnen Erbkrankheiten, die bei Vorliegen einer bestimmten Erbanlage mit höchster Wahrscheinlichkeit auftreten, kommen alle Beteiligten noch sehr schwankenden Grund.

Vorsicht bei Internet-Angeboten

An Beutelschneiderei grenzten schließlich - so Utermann - Internet-Angebote zum Test auf eventuell krankheitsfördernde Gen-Varianten. Der Experte: "Das klingt natürlich toll." Aber wenn man dann gleichzeitig lese, dass eben eine gesunde Lebensweise den Einfluss solcher Gene "neutralisieren" könne, sei man eben buchstäblich so klug wie zuvor.

Kritik gebe es in Deutschland auch an einem vom Wiener Gynäkologen und Endokrinologen Univ.-Prof. DDr. Johannes Huber enwickelten DNA-Chip für die Bestimmunge eines eventuellen Risikos für Frauen, an bestimmten gynäkologischen Leiden zu erkranken. Ein Fachmann habe solche Projekte als "pure Spekulation" bezeichnet.

Die Hauptforderungen des Fachmanns: Gen-Tests ausschließlich über Fachärzte des jeweiligen Fachgebietes mit gleichzeitiger humangenetischer Ausbildung. Mehr Humangenetik-Ausbildung für Ärzte sowie ausschließliche Verwendung solcher Tests bei multifaktoriellen Erkrankungen nach eindeutigem wissenschaftlichen Beleg eines Nutzens. (APA)

Diskurstag Gendiagnostik am 24. Oktober im Naturhistorischen Museum Wien
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