Kaprun-Gutachter bleibt im Amt

21. Oktober 2002, 19:05
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Neue Expertisen über Brandursache

Salzburg - Der von den Verteidigern der 16 Angeklagten heftig attackierte Brandsachverständige Anton Muhr bleibt beim Kaprun-Prozess weiter Gerichtsgutachter. Richter Manfred Seiss begründete am Montag seine Entscheidung unter anderem damit, dass Muhr ihm gegenüber sein Gutachten relativiert hatte. Finanzielle oder zeitliche Überlegungen hätten keine Rolle gespielt.

Laut Muhr, für den bis vor wenigen Wochen noch der Heizlüfter im Führerstand des Unglückswaggons Auslöser der Brandkatastrophe von Kaprun war, ist nach der Zeugenaussage eines Kriminaltechnikers des Innenministeriums auch ein Kabelbrand oder eine defekte Lampe als Brandursache vorstellbar. Muhr habe weiteren Untersuchungen zugestimmt, eine Befangenheit sei somit nicht gegeben, so Seiss.

Der Argumentation der Verteidiger, dass Muhr nicht exakt gearbeitet habe, konnte Seiss ebenfalls nichts abgewinnen. Das Gutachten sei inhaltlich ja noch nicht erörtert worden, machte Seiss den Anwälten klar. Auch den Vorwurf, Muhr habe Beweisstücke nicht ordnungsgemäß gelagert, wollte Seiss nicht gelten lassen. Die von Muhr "irrtümlich" zu Hause aufbewahrten Beweisgegenstände seien dort laut Erhebung von Kriminalbeamten ordentlich verwahrt gewesen.

Indes ist neben dem Sachverständigen auch Staatsanwältin Eva Danninger-Soriat ins Visier der Verteidigung geraten. Ihr wird "Amtsmissbrauch" vorgeworfen. Sie habe ohne richterliche Zustimmung Unterlagen der Gletscherbahnen beschlagnahmen lassen. Angesichts von 155 Toten nehme sie diesen Vorwurf "gerne in Kauf", entgegnete die Staatsanwältin. Kommentar eines Verteidigers: Auch die 155 Toten des Infernos könnten die Aufhebung rechtsstaatlicher Grundsätze nicht legitimieren. (neu/DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2002)

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