Streit um handschriftlichen Goethe-Nachlass

21. Oktober 2002, 09:36
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Prinzessin Leonie von Sachsen-Weimar-Eisenach fordert Kernbeständen des Goethe- und Schiller-Archivs zurück

Weimar/Gera - Um den handschriftlichen Goethe-Nachlass - 2001 in das UNESCO-Register "Gedächtnis der Menschheit" aufgenommen - ist ein Gerichtsstreit entbrannt. Das Verwaltungsgericht Gera muss sich an diesem Donnerstag mit den Rückübertragungsansprüchen von Prinzessin Leonie von Sachsen-Weimar-Eisenach zu Kernbeständen des Goethe- und Schiller-Archivs beschäftigen. Das Adelshaus fordert vom Freistaat Thüringen die Rückübertragung der Schriften von Goethe und Schiller.

Politiker und Kunstfreunde sind alarmiert. Sie befürchten, das einzigartige nationale Kulturgut könnte in Privathand übergehen und nur noch gegen horrendes Entgelt Öffentlichkeit und Forschung zur Verfügung stehen. Jochen Golz, Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs, hofft auf eine Lösung, die Weimar die Kostbarkeiten erhält. "Es geht um den größten und kostbarsten Teil des Archivs", sagt der Literaturwissenschafter. Er umfasse etwa 90 Prozent aller poetischen Manuskripte Goethes (1749-1832), darunter die Reinschrift von "Faust II" und des "West-Östlichen Divan" sowie seine Tagebücher aus sechs Jahrzehnten. "Das ist unverzichtbarer Teil des deutschen Kulturerbes", meint Golz. Der Eintrag in das "Memory of the World" (Gedächtnis der Menschheit) der UNESCO unterstreiche diese Wertschätzung. Bisher gibt es weltweit knapp 100 Projekte, denen diese Ehre zukommt.

Enteignung

Das Landesamt für offene Vermögensfragen hatte 1998 die Ansprüche des Adelshauses zunächst anerkannt, ein Jahr später dann jedoch aus Rechtsgründen und nach deutschlandweiten Protesten revidiert. Zur Begründung hieß es, der Klassikernachlass sei 1945 einer Stiftung übertragen und damit nicht enteignet worden. Die Rückgabe von Bildern, Möbeln, Geschirr und Büchern könne nur bei einer Enteignung erfolgen. Hintergrund ist das seit 1994 geltende Entschädigungs- und Ausgleichsgesetz, nach dem Adligen und privaten Sammlern, die nach nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet wurden, ihre bewegliche Habe zurückgegeben werden muss.

Adel verpflichtet - dieser Maxime fühlte sich das Weimarer Herzogshaus über Jahrhunderte verbunden. 1895 übergab der letzte Goethe-Enkel Wolfgang die Schriften als Zeichen des Vertrauens in die Hände von Großherzogin Sophie, berichtet Golz. Eine gute Lösung, findet er. "Literaturarchive in dem Sinne gab es noch nicht." Großherzogin Sophie baute eigens für die Schriften Goethes und Schillers ein Archiv. "Ich habe geerbt, und Deutschland und die Welt sollen mit mir erben", erklärte sie. In ihrem Testament gliederte sie das Archiv aus und bestimmte, dass es immer als unveräußerliches Erbe der Familie in Weimar bleibt und der Forschung offen stehen muss. "Wir sehen den Willen der Großherzogin weiter als verbildlich an", sagt Golz im Namen der Stiftung Weimarer Klassik.

Prinz Michael von Sachsen-Weimar-Eisenach beteuerte immer wieder, er wolle den Nachlass in Weimar lassen. Er habe jedoch die Ansprüche seiner minderjährigen Tochter Leonie sichern wollen. Das Adelshaus fordert zudem die Rückübertragung des Inventars der Schlösser Weimar und Tieffurt sowie der Fürstengruft mit den Särgen seiner Ahnen und denen von Goethe und Schiller.(APA)

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