Massive Kritik an Notfallsystem

20. Oktober 2002, 21:08
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Heimisches Sanitätergesetz mache Ersthelfer zu "Hilfsarbeitern" - Viele Patienten müssten aus Mangel an modernen Geräten sterben

Wien - "In Österreich sterben jeden Tag Menschen, weil sie nicht ausreichend versorgt werden. Oder ihr Gehirn wird schwer geschädigt", kritisiert Michael Frass, Leiter der Intensivstation am Wiener AKH, das derzeitige Sanitätswesen und fordert eine "rasche Reform des Notfallsystems" in Österreich. Es geht ihm um ausreichende Sauerstoffversorgung von Herz-Kreislauf-sowie Unfallpatienten nach einem Atemstillstand.

Die effizienteste Form der Beatmung ist das Setzen eines Tubus - wenn er richtig gelegt wird: Ein Schlauch wird durch den Mund in die Luftröhre geschoben, durch diesen Sauerstoff eingeblasen. Intubieren dürfen jedoch - neben Medizinern - in Österreich laut neuem Sanitätergesetz seit Ende 2001 nur Notfallsanitäter mit einer Spezialausbildung, die insgesamt 110 Stunden dauert, 80 Stunden davon praktische Schulung.

Intubieren verboten

Notfallsanitäter kämen laut dem Intensivmediziner aber fast immer gemeinsam mit den Notärzten, die das Intubieren am Einsatzort dann selbst erledigten. Was noch egal wäre. "Es sind aber meist normale Sanitäter, die als Erste zu einem Notfallpatienten kommen, nachdem die Rettung gerufen wurde", schildert Frass das Problem. Diese müssten dann bis zum Eintreffen der Ärzte atemstille Patienten beatmen, intubieren dürfen sie aber nicht.

Die ebenfalls noch relativ effiziente Mund-zu-Mund-Beatmung komme dabei recht selten zur Anwendung. Warum? "Machen sie das einmal bei einem Unfallopfer, dem sie zuerst Blut und Erbrochenes aus dem Mund räumen müssen", erklärt der Uniprofessor.

Die Beatmung durch die Sanitäter - die "in Österreich derzeit als Hilfsarbeiter eingestuft sind", echauffiert sich der Mediziner - geschehe in der Regel mithilfe einer so genannten Gesichtsmaske: Dabei wird über Mund und Nase des Patienten eine Maske gelegt, an der sich eine Art Blasebalg befindet, über den Sauerstoff in die Lunge gepumpt werden soll. Diese Methode sei jedoch "schwierig und insuffizient", erläutert Frass, deshalb würden "viele Patienten durch ungenügende Beatmung versterben oder gehirntot werden, bevor noch der Notarzt eintrifft".

80.000 Stunden

Sollten also alle Sanitäter Intubieren lernen? "Das geht schon aufgrund der Gesetzeslage nicht", bedauert Oberarzt Peter Krafft von der Wiener Uniklinik für Anästhesie: "Allein in Wien gibt es rund 1000 Sanitäter. Würden alle die vorgeschriebene Schulung machen, müssten wir Anästhesisten 80.000 Ausbildungsstunden während des täglichen Operationsbetriebes zur Verfügung stellen. Das funktioniert nicht."

Außerdem seien die verwendeten Tubus-Modelle, die als "Golden Standard" gelten, auch nicht das Gelbe vom Ei. Eine Studie des JFK Medical Center im US-Bundesstaat Atlanta hat ergeben, dass sogar Notärzte beim Eintreffen am Unfallort in 25 Prozent aller untersuchten Fälle den Tubus danebenlegen - also nicht in die Luftröhre, sondern in die Speiseröhre schieben und somit den Magen statt die Lunge aufblasen. Bei 56 Prozent dieser Patienten wurde das nicht bemerkt, sie starben. "Im Operationssaal", ergänzt Anästhesist Krafft, "geht es natürlich nicht so dramatisch und hektisch zu wie auf der Landstraße, aber in bis zu zehn Prozent der Fälle tun wir uns auch sehr schwer."

Intensivmedizinier Frass will aber nicht nur kritisieren, sondern auch eine Lösung anbieten - mit einem völlig neuartigen Tubus. Dieser "Kombinationstubus" besteht aus einem Plastikschlauch mit einem Zwei-Kammern-System, durch das die Luft entweder am unteren Ende oder über eine Perforation in der Mitte des Schlauches ausgeblasen werden kann. Aufgrund dessen ist es völlig wurscht, ob der Tubus in die Luft- oder Speiseröhre eingeführt wird: Die Beatmung funktioniert in jedem Fall. Damit ist es sogar für Laien einfach, einen Patienten effizient zu intubieren, wie ein STANDARD-Test gezeigt hat.

Der Kombitubus ist inzwischen in den USA und Japan anerkannt. Nach einer Schulung von "lediglich sechs Stunden" könnte laut Frass "jeder Sanitäter mit dem neuen Gerät intubieren, viele Leben retten". Dazu bedürfe es aber einer Gesetzesänderung.(Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2002)

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