"Ein Tropfen auf einen sehr heißen Stein"

20. Oktober 2002, 20:27
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Selbstreflexion bei einem Workshop für israelische und palästinensische Journalisten

Wien - Das Österreichische Institut für Internationale Politik (OIIP) hat sich am Wochenende der heiklen Aufgabe angenommen, israelische und - unter größten Schwierigkeiten nach Wien gebrachte - palästinensische Journalisten in einem Workshop zusammenzubringen, und zwar bewusst solche, die in ihrer Position eher dem Mainstream zuzurechnen sind, also auch für die jeweils eigenen Gesellschaften sprechen können. Zur Debatte stand die Frage, welche Rolle die Medien bei der öffentlichen Meinungsbildung über die Eskalation im Nahostkonflikt spielen.

Beim öffentlichen Auftakt der Veranstaltung (die ansonsten hinter verschlossenen Türen stattfand) in der Diplomatischen Akademie manifestierte sich für die Zuhörer vor allem einmal eine Asymmetrie in den Fähigkeiten zur Selbstreflexion über die eigene Rolle, was die Israelis - die ja gerne die Asymmetrie des ganzen Konflikts negieren - erst einmal ziemlich ärgerte. Die Palästinenser hatten eingangs große Schwierigkeiten, über ihre Rolle als Journalisten im Konflikt zu reden, sie redeten nur über den Konflikt selbst (obwohl den anwesenden österreichischen Medien auferlegt wurde, nicht namentlich zu zitieren).

Auch die Ansage eines Palästinensers, die palästinensischen Medien hätten während des Oslo-Prozesses vor allem der Aufgabe zu dienen gehabt, einen Palästinenserstaat vorzubereiten, bestätigte zuerst die Annahme, dass die zwei Seiten von zwei "Journalismen" sprachen. Andererseits übten Israelis dann harte Selbstkritik und bezichtigten sich selbst, ebenfalls schon mit Oslo ihre professionelle Integrität aufgegeben zu haben. Die Enttäuschung darüber, dass die Geschichte von der israelisch-palästinensischen Versöhnung, die sie der Öffentlichkeit erzählten, nicht gestimmt hatte, lasse sie nun ins andere Extrem gehen: "Die israelischen Medien sind gleichgültig, wenn nicht feindselig dem palästinensischen Leiden gegenüber."

Hysterie, dann Apathie

Ein israelischer Journalist verwies darauf, dass die "Hysterie", mit der die Medien in Israel den Ausbruch der Intifada im Herbst 2000 coverten - dramatischer als den Krieg 1973 -, großen Druck auf (den damaligen Premier) Ehud Barak ausgeübt hatte, militärisch hart zu antworten. Die jetzige "Apathie" von Gesellschaft und Journalismus ermutige hingegen die Regierung Sharon, "bis jetzt noch nie da gewesene Dinge zu tun".

Vom Verlauf des Workshops berichtet Organisator John Bunzl (OIIP), dass dieser nach der von Ressentiments unterlegten öffentlichen Veranstaltung nicht unbedingt abzusehen gewesen sei: Die Feindseligkeit zerschmolz, man war heilfroh, endlich wieder einen Gesprächspartner auf der anderen Seite gefunden zu haben, und ohne Zuhörer fanden auch die Palästinenser zu sehr weit gehender Selbstkritik.

Vereinbart wurde zwischen den Teilnehmern ein "Networking", man werde etwa in Zukunft versuchen, einander als Ressource für Informationen von der anderen Seite zu benützen. Immerhin einen "Tropfen auf einen sehr heißen Stein", sieht Bunzl im Treffen der Journalisten, die in der Absicht auseinander gingen, wenigstens selbst keinen Schaden mehr durch ihre Arbeit anzurichten.(Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2002)

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