Ein Sieg über den Frieden

20. Oktober 2002, 20:12
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Beschauliches Südtirol im ethnischen Aufruhr: Der Friedensplatz trägt wieder seinen alten faschistischen Namen Siegesplatz

Sie sind alle für den Frieden: Gianfranco Fini, Chef der rechtskonservativen Alleanza Nazionale (AN) ist dafür, Giorgio Holzmann, sein lokaler Vasall in Bozen, ist dafür, und der Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder ist dafür. Trotzdem hat der Bozner Friedensplatz keine Chance gehabt. Weil Frieden und Friedensplatz anscheinend so weit voneinander entfernt sind wie Bozen und Rom.

Im Jahr 2000 entschied die Bozner Stadtregierung unter dem linken Bürgermeister Giovanni Salghetti-Drioli, den historisch belasteten Siegesplatz in Friedensplatz umzubenennen. Der Schritt der Stadtregierung, in der die Linken mit der Südtiroler Volkspartei koalieren, sollte auch nach außen hin für Frieden sorgen. Doch die lokale AN-Filiale ließ ein Referendum einberufen. Der Ausgang war abzusehen: Knapp 100.000 Einwohner zählt Südtirols Hauptstadt, 73 Prozent haben Italienisch als Muttersprache, 26 Prozent Deutsch. Just viele Italienischsprachige haben sich für die Rückkehr zum Siegesplatz entschieden.

"Totale Gehirnwäsche"

Die Alleanza Nazionale habe "unter Fini alles getan, um ihre innere Wandlung zur postfaschistischen Partei darzustellen", sagt Joseph Zoderer - laut Eigendefinition "österreichischer Schriftsteller mit italienischem Pass". Jetzt zeige sich aber, dass "unter dem Schafspelz ein Wolfspelz ist". Für Zoderer liegt "die ganze Tragödie darin, dass die AN eine totale Gehirnwäsche der italienischsprachigen Bevölkerung betrieben hat. Ich bin enttäuscht, weil auch Linke und Grüne für die Rückbenennung gestimmt haben."

Eine Pensionistin mit italienischer Muttersprache, die in Bozen geboren wurde, meint: "Ja, ich habe für die Wiederbenennung gestimmt. Ich habe nie AN gewählt und bin keine Faschistin. Aber der Platz hat immer so geheißen. Ich verstehe nicht, warum sich das hat ändern sollen." Ein Zeichen für das Unbehagen der italienischsprachigen Südtiroler. Im Staatsverbund mit 56 Millionen die niederschmetternde Mehrheit gegenüber den 250.000 deutsch-und ladinischsprachigen Mitbürgern, in der autonomen Provinz Bozen dagegen die klare Minderheit: Zwei Drittel der Bevölkerung sind vor allem deutscher und bisweilen ladinischer Muttersprache.

Marco Bernardi, Chef des Teatro Stabile in Bozen, bekennt: "Ich habe für den Friedensplatz und damit für die friedliche Zukunft unserer Kinder gestimmt." Er sieht im Ergebnis aber ein Signal für "etwas, was nicht funktioniert, und darüber müssen wir uns Gedanken machen". Auch der italienischsprachige Bozner Peter Calò, bis 2000 Fraktionschef für die Demokratische Linke (DS) im Gemeinderat, zeigt seine Enttäuschung: "Da wurden die niedrigsten Instinkte angefacht. Es wurde gesagt: Nach dem Siegesplatz kommen auch die italienischen Straßennamen dran."

Stimmung aufgeheizt

Ganz ungeschoren kann da auch die SVP nicht davonkommen, schließlich gehört ihr Bozner Fraktionschef Oswald Ellecosta nicht zu den Tauben in der Partei. Dieser sinnierte öffentlich darüber, dass künftig die Umbenennung auch anderer Straßennamen nicht auszuschließen sei, was den Kessel erst richtig kochen ließ. Deshalb meint Zeno Braitenberg, Journalist beim Sender Bozen, dem deutschsprachigen Teil der staatlichen Rai: "In den vergangenen Jahren hat sich an der Spitze der SVP der Geist der Versöhnung durchgesetzt. Es war ein Fehler, radikale Kräfte mitzuschleifen."

Das Referendum sei kontraproduktiv gegen diesen Geist der Versöhnung gewesen. So zeigt sich Südtirol rund 80 Jahre nach Vertreibung des letzten deutschen Bürgermeisters Julius Perathoner aus Bozen in einem Bild, das viele längst vergangen glaubten: Es ist ein Hecheln nach der Vergangenheit und ein Verhaftetsein darin.

Dagegen kann auch der jährliche Geldsegen aus Rom nichts ändern und auch die EU-weit rekordverdächtig geringe Arbeitslosenrate von etwa zwei Prozent nicht. Oder vielleicht ist gerade auch das viele Geld ein Grund dafür, dass ein Volk noch immer darüber zanken kann, ob die Ortsschilder zuerst italienisch oder deutsch angeschrieben sind. Weil es andere Probleme als ethnische nicht hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2002)

Esther Mitterstieler aus Bozen
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    Anhänger der Alleanza Nazionale vor dem Siegesdenkmal in Bozen (Archivbild)

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