Haben wir wirklich eine Wahl?

27. Oktober 2002, 15:24
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Kommentar der anderen: Die Eröffnungsrede von Viennale-Direktor Hans Hurch

Zum aktuellen Verhältnis von Politik, Kunst und Öffentlichkeit im Vorschein der Nationalratswahl am 24. November: Rede von Viennale-Direktor Hans Hurch zur Eröffnung der Wiener Filmfestspiele 2002.


"Vor zwei Jahren stand meine Rede hier im Zeichen der Wende, genauer gesagt im Zeichen des Schocks, den diese Wende im Land verursachte, und im Zeichen eines falschen Zusammenrückens, das damals allseits gefordert wurde.

Letztes Jahr befand sich die Welt, also auch dieses Festival, unter dem Eindruck der Anschläge auf die Vereinigten Staaten; mein Thema war somit ebenfalls vorgegeben: Es war der Ausnahmezustand und jenes Verbot kritischen Denkens, das er stets zu implizieren scheint.

Heuer beschäftigt uns ein Ereignis, das erst vor uns liegt. Wir haben die Wahl. Aber haben wir wirklich eine Wahl? Ich meine diese Frage nicht tagespolitisch, wenngleich ich mir als ein auf Zeit bestellter Kulturfunktionär eine tagespolitische Meinung leiste. Aber ich frage mich angesichts des täglichen Opportunismus in der Politik, wo diese Wahlmöglichkeit liegt. Politik ist längst weniger das Eintreten für Grundsätze und das offene Durchsetzen von Interessen als vielmehr die Kunst, auf die letzte Stimmungsschwankung der Öffentlichkeit möglichst rasch und pragmatisch zu reagieren.

Der Figur des Meinungsforschers kommt in dieser Situation eine zentrale Bedeutung zu. Ich halte das für bedauerlich, denn an Meinungen herrscht fürwahr kein Mangel. Was wir meiner Meinung nach dringend bräuchten, wären Haltungsforscher. Denn Haltung ist mittlerweile so etwas wie ein weißer Fleck auf der politischen Landkarte geworden.

Die Grundsätze der meisten Politiker schmelzen dahin, wenn sie sich über die Abendzeitung beugen, um zu sehen, ob und wie sie angekommen sind. Diese Grundsätze lösen sich auf, wenn sie der Redakteur des Fernsehens anruft oder, schlimmer noch, nicht anruft. Diese Grundsätze sind vergessen, wenn der Balken ihrer Popularität um zwei Millimeter geschrumpft ist, weil es dem Redakteur einer x-beliebigen Illustrierten gerade so gepasst hat.

Politik ist die Kunst, die Macht zu erlangen, um die Welt zu verändern oder sie zu erhalten. Das tun Politiker, indem sie ihre Weltanschauung, ihre Haltung, ihre Interessen durchzusetzen versuchen.

Brüche erkennen ...

Kunst hingegen kann man den Versuch nennen, die Welt zu erlangen, ohne dafür Macht zu besitzen. Künstler wollen ihre Weltanschauung nicht durchsetzen, sie wollen sie entdecken, sie weitertreiben, schärfen und immer wieder erneuern. Deswegen ist Kunst besonders empfindlich gegen jenen politischen Opportunismus, der als Erstes seine Weltanschauung opfert, um an die Macht zu gelangen.

Kino ist ein Ort, Weltanschauung zu erproben. Kino ist kein Ort der Cultural Industry. Vor allem nicht, wenn dieser fragwürdige Ausdruck suggeriert, dass dabei Wertschöpfung und nicht Weltschöpfung wichtig genommen wird. Kino steht in lebendiger Spannung zur Welt, weil es seine eigene Welt, eine andere, manchmal auch utopische erschafft, indem es diese unsere bestehende Welt anschaut.

Ich möchte nicht missverstanden werden. Es geht mir nicht darum, hier eine allgemeine Politikerschelte mit einem ebenso allgemeinen Lob der Kunst zu kontrastieren. Bei beiden scheint mir haltungsloser Opportunismus gleich verächtlich, und daran mangelt es weder der Politik noch der Kunst noch dem Kino. Ich möchte behaupten, es geht im Kino wie in der Politik darum, die Welt unterscheidbar zu machen. Opportunismus bedeutet ja in objektiver Hinsicht nichts anderes als Ununterscheidbarkeit. Es geht aber genau darum, die Unterschiede sichtbar zu machen, die Brüche und Gegensätze.

Es kann zum Beispiel nicht angehen, dass der Sozialstaat auf mehr oder weniger unauffällige Weise abgeschafft wird. Am schlimmsten ist die Rede, die nicht sagt, wofür der politische Redner steht, und die so nebenbei auch das Wichtigste verdrängt. Die Wirkung, die so eine Abschaffung hat. Wären sie nicht so verächtlich, müsste man Opportunisten für ihre Abstraktionsfähigkeit bewundern: den Gesundheitspolitiker mit Privatarzt, der sich keinen Mindestrentner in einer Ambulanz vorstellen kann, oder den Asylpolitiker, der im warmen Büro mit einem Federstrich Menschen das Dach über dem Kopf nimmt.

Der Radikalopportunismus hat die österreichische Gesellschaft nicht erst in den letzten Jahren vergiftet. Es ist längst üblich, so zu reden und anders zu handeln oder vor einem Publikum glatt und vor dem nächsten verkehrt aufzutreten. Der Zustand der Öffentlichkeit ist dadurch ebenso geprägt, wie er selbst solche Zustände weiter fördert. Alles ist egal, alles erlaubt, alles geht durch. Wichtig ist nicht mehr, was einer sagt, sondern wie das Publikum es aufnimmt.

Der Zustand der Öffentlichkeit ist katastrophal, in Österreich wie anderswo. Jeder weiß es, und mit Lust zeigen uns die kleinen Berlusconis bei der Kronen Zeitung und bei News, wer die Macht im Land hat. Die Frage ist gar nicht mehr so sehr, ob Politiker ihnen gegenüber Haltung bewahren. Die Frage lautet höchstens, ob sie noch daran glauben, wenigstens jenseits von diesen Medien ihre Haltung erfahrbar machen zu können.

Vor allem, wenn man sich das traditionelle Gegengewicht zu den kommerziellen Medien, den ORF ansieht. Ich will gar nicht vom Kulturauftrag reden, der dort systematisch unterhöhlt und mit einer Art Unterhaltungsauftrag ver- wechselt wird. Oder mit dem Auftrag zur Rettung eines Kulturbürgertums, das höchstens noch als Fiktion existiert. Ich rede nur vom politischen Missbrauch des ORF. Damit mag man Wahlen gewinnen. Man verspielt aber langfristig genau jene Chance, auf die es ankommt: statt der Konkurrenz der Sendeminuten die Konkurrenz von Haltungen transparent zu machen, den Widerstreit der Interessen, also Welt erkennbar zu machen.

... Interessen verstehen

Eines muss man dieser Regierung zweifellos lassen: Sie hat einen gewissen Beitrag geleistet, die Gegensätze im Land hervorzutreiben. Es wäre in der Tat ein Gewinn, wenn man in Zukunft die Wahl hat und tatsächlich weiß, was und wen man bekommt, wenn man ihn wählt.

Übrigens: In Italien waren es kürzlich Künstler, Schriftsteller wie Dario Fo und nicht zuletzt Kinoleute wie Nanni Moretti, die öffentlich Druck auf ihre Parteien und Gewerkschaften ausgeübt und eine neue regierungskritische Bewegung gegen Massenentlassungen und die Zersetzung des Rechtsstaates in Gang gebracht haben.

Um noch einem Missverständnis vorzubeugen: Ich plädiere hier nicht für oder gegen massenhaftes politisches Engagement der Künstler, das ist weder meine Aufgabe noch mein Anliegen.

Mir geht es um eine staatsbürgerliche Haltung des Einzelnen. Mir geht es um die Möglichkeit, inmitten des Gewirrs von tagespolitischem Reiz- und Reaktionsspiel die Gegensätze zu erkennen, Brüche zu erfahren, Interessen zu verstehen. Nur wer weiß, kann wählen ... "(DER STANDARD, Printausgabe vom 21.10.2002)

  • Viennale-Direktor Hans Hurch
    foto: viennale

    Viennale-Direktor Hans Hurch

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