Vitamine gegen alte Leiden

20. Oktober 2002, 18:23
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Das Investmenthaus Merrill Lynch sieht für den Wiener Mini-Aktienmarkt gute Chancen

Wien - Die Wiener Börse könnte von ihren ewigen Leiden - wenig notierte Firmen, eine unterentwickelte Aktienkultur und geringe Handelsumsätze - bald geheilt sein. Der heimische Aktienmarkt hat dafür gute Chancen, ist Ralf Nachtigall, Direktor für den europäischen Aktienmarkt bei Merrill Lynch, überzeugt. Damit macht er allen Anlegern, die brav ihre mäßig erfolgreichen Aktien in Österreich behalten, Mut. Denn: Große Verluste übersteht Wien zwar relativ gut, große Kursgewinne gehen aber auch konsequent vorüber.

Nun sollte der Markt ab kommendem Jahr aber vor allem vom Aufbau der privaten Pensionsvorsorge profitieren. Ein damit einhergehender Anstieg des privaten Aktienbesitzes von derzeit lediglich 7,5 Prozent sollte eine regere Handelstätigkeit bringen. Immerhin zwingt die scheidende Regierung mit ihrer Zukunftsvorsorge ja Banken und Versicherungen, Produkte zu stricken, die überwiegend Aktien aus dem heimischen Markt beinhalten. Aus dieser quasi erzwungenen Nachfrage sollte sich auch mehr Angebot (an notierten Unternehmen) ergeben. Die Wiener Städtische, die Raiffeisen Landesbank Oberösterreich und die Meinl Bank wollen demnächst schon solches offerieren.

"Ein Segen"

"Das ist ein Segen", bestätigt auch Günther Artner, Österreich-Analyst in der Erste Bank: "Zu diesem Thema spitzen die Amerikaner die Ohren", sagt er nach der jüngsten Road-Show in den USA. "Auch wenn die private Vorsorge nur mit einem 40-prozentigen Österreich-Anteil statt der vorgeschriebenen 60 Prozent kommt, können wir große US-Investoren in den Wiener Markt hineinführen. Was die Internationalen von Engagements bis jetzt abhält, ist die geringe Liquidität."

Zur quasi ebenso "erzwungenen" notwendigen Umstellung der Finanzierung der heimischen Wirtschaft, die mit einem Kreditanteil von 68 Prozent weit über dem EU-Durchschnitt von 44 Prozent liegt, sollte demnach die Angebotsseite an notierten Titeln beleben. Börsefitte Kandidaten gebe es ausreichend, bestätigen heimische Analysten.

Fundament stimmt

Das Fundament für die Wirkung all dieser Vitamine stimme, attestiert Nachtigall. "Bei Transparenz und Handelsabwicklung braucht Wien den internationalen Vergleich ja nicht zu scheuen." Der per Oktober eingeführte freiwillige Anstandskodex für lautere Unternehmensführung (Corporate Governance) wird ebenfalls positiv gewertet.

Als kleinen Trost bis zur erwarteten Belebung gibt die Erste Bank den Anlegern in heimischen Aktien noch ihre Schätzungen für die Dividendenrendite 2002 mit: Mit 2,21 Euro liegt sie beim Flughafen auf 7,1 Prozent, bei Wienerberger (70 Cent) bei 5,4, bei Böhler (2,30 Euro) bei 5,2 Prozent. Ein Kaufargument sind diese Gewinnquellen zwar nicht - je tiefer der Kurs, desto höher errechnet sich ja die Dividendenrendite - vorübergehend mildern sie aber den Schmerz der Verluste. (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe 21.10.2002)

Die Struktur der Wiener Börse schneidet im internationalen Vergleich nach wie vor schlecht ab. Sollen Anleger endlich die Flinte ins Korn werfen und sich größeren Börsen zuwenden? Nein, sagt der Londoner Merrill-Lynch-Direktor Ralf Nachtigall und erklärt seine Zuversicht.

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    foto: wiener börse
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