Herbstlohnrunde in Rekordzeit

20. Oktober 2002, 18:58
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Neuer Kollektivvertrag für 700.000 - Analyse von Luise Ungerboeck

Wien - Die heurige Herbstlohnrunde ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Erstmals waren es nicht die Metaller, die mit ihrem traditionellen Feilschen die Latte für alle nachfolgenden Branchenlohnrunden fixierten. Die Elektro- und Elektronikindustrie, zum zweiten Mal nicht in der Globalrunde, schloss zwei Tage vor den Metallern ab und brachte so Metallgewerkschaftsboss Rudolf Nürnberger und Karl Proyer von der Privatangestelltengewerkschaft unter Zugzwang. Damit war es de facto unmöglich, für die 210.000 Metallerarbeiter und Industrieangestellten unter der 2,2 Prozent Ist-Lohnerhöhung und 2,3 Prozent KV-Erhöhung der Elektroindustrie zu bleiben.

Zur großen Überraschung legten die Sozialpartner - beinahe zeitgleich mit den Metallern - auch für die 350.000 Handelsangestellten und rund 100.000 Beschäftigten in verwandten Branchen eine Erhöhung der Kollektivvertragsgehälter um 2,1 Prozent vor. Damit wurden für insgesamt mehr als 700.000 unselbständig Erwerbstätige in Österreich in Rekordzeit Abschlüsse präsentiert. Angesichts der bevorstehenden Wahlen ein deutliches Lebenszeichen der Sozialpartnerschaft, die Mechanik der Schattenregierung funktioniert, wie schon bei der "Abfertigung neu".

Nicht so üppig

So üppig, wie es scheint, sind die Abschlüsse, die allesamt einen zweier vor dem Komma haben und bei Metallern und Elektronikindustrie zudem Einmalzahlungen in Höhe von 110 bzw. 85 Euro ausweisen, nicht. Denn die Einmalzahlungen stärken die Kaufkraft, schlagen aber nicht dauerhaft auf Lohn- und Gehaltspyramiden durch.

Alois Guger vom Wifo hält dennoch fest, dass der private Konsum ein wesentlicher Treiber der Binnennachfrage ist. Von ihm komme heuer rund ein halbes Prozent Wachstumsbeitrag, nächstes Jahr wird dieser mit einem Prozent prognostiziert - vorausgesetzt, der Ölpreis schnellt aufgrund eines möglichen Irakkrieges nicht in die Höhe, sagt Guger. "Jetzt müssen die Mitarbeiter das Geld aber auch ausgeben, sonst springt die Wirtschaft wieder nicht an", ätzte ein Arbeitgeber-Vertreter im STANDARD-Gespräch.

Die von den Metallern vereinbarte so genannte Verteiloption von 1,9 bis 2,5 Prozent - dabei können 0,6 Prozent der Lohnsumme mittels Betriebsvereinbarung innerbetrieblich verteilt werden - ermöglicht es der Voestalpine übrigens, einen Teil der Lohnerhöhung in Unternehmensaktien auszubezahlen; vorausgesetzt, die Belegschaft stimmt zu. (DER STANDARD, Printausgabe 21.10.2002)

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