Goldhagen: Katholische Kirche soll sich der Wahrheit stellen

20. Oktober 2002, 15:41
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Weinzierl: Zentrale Thesen im neuen Buch des US-Autors sind prinzipiell richtig

Wien - Der amerikanische Politologe und Publizist Daniel Jonah Goldhagen hat die katholische Kirche aufgefordert, sich in Bezug auf ihre Rolle zur Zeit des NS-Regimes "der ganzen Wahrheit zu stellen". Anlässlich der Präsentation seines neuen Buches "Die katholische Kirche und der Holocaust - Eine Untersuchung über Schuld und Sühne" am Freitagabend in Wien diskutierte Goldhagen unter der Moderation von Peter Huemer (ORF) mit den beiden Historikern Erika Weinzierl und Hansjakob Stehle über die moralische Verantwortung der institutionellen katholischen Kirche am jüdischen Völkermord.

Die zentrale These im Buch des Harvard-Professors: Die katholische Kirche habe den systematischen Massenmord an den Juden nicht verursacht, sie sei dafür auch nicht direkt verantwortlich, doch ihre durchaus antisemitische bzw. antijudaistische Tradition habe dennoch Auswirkungen auf den Holocaust gehabt. Daher trage die Kirche durch ihre teils aktive, teils passive Haltung eine Mitschuld. Wie jeder einzelne Mensch müsse auch die Kirche ihre Taten eingestehen. Es müsse möglich sein, sie - zumindest moralisch - zur Rechenschaft zu ziehen. Allein, die Kirche habe sich zwar heute eindeutig vom Antisemitismus distanziert, doch das Schuldeingeständnis sei noch zu vage formuliert worden, so Goldhagen.

"Vorwürfe nicht ganz falsch"

Wie schon bei anderen Gelegenheiten anlässlich seiner Promotion-Tour durch Deutschland und Österreich, wurde Goldhagen auch in Wien mit Kritik an seiner wissenschaftlichen Methodik konfrontiert. So sagte der Vatikanexperte Stehle, die Vorwürfe an die Kirche seien zwar "nicht ganz falsch", aber zu stark von Vorurteilen beeinflusst. Goldhagen lasse streckenweise genaues Quellenstudium vermissen, einige Zitate seien nur bruckstückhaft und würden die Aussage kirchlicher Dokumente verzerren. Als Stehle ansetzte, Zitierfehler Goldhagens noch detaillierter auszuführen, widersprach der US-Politologe mit dem Einwand, dass man nicht über "das ganze Bild" diskutieren könne, wenn man sich in Details festbeiße.

Weniger kritisch beurteilte die Wiener Zeithistorikerin Weinzeirl das neue Werk des Bestsellerautors Goldhagen. Auch sie ortete methodische Fehler, diese würden aber die im Prinzip richtige Grundaussage des Buches nicht betreffen. Weinzierl schränkte ihre Zustimmung allerdings ein, indem sie in dem Buch "immer wieder feststellbare Pauschalurteile" Goldhagens gegen den katholischen Klerus als "ermüdend und wenig zielführend" bezeichnete.

Dass der Name Goldhagen mitunter für Aufregung und Polemik sorgt, jedoch immer für Publizität, konnte man bereits vor Veranstaltungsbeginn feststellen: Von den über 400 Gästen und Schaulustigen musste über die Hälfte wieder nach Hause geschickt werden. Der Wappensaal des Wiener Rathauses darf aus feuerpolizeilichen Gründen, wie man erfuhr, nämlich nur rund 200 Personen aufnehmen. Der Unmut darüber war fast schon größer als die provokanten Thesen des 43-jährigen Harvard-Professors. (APA)

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