Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers fordert Landreform

20. Oktober 2002, 11:21
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Bauern sollen endlich eigenen Boden bestellen dürfen

Innsbruck - Ein hohes Mitglied des äthiopischen Herrscherhauses, der in Frankfurt lebende Großneffe des letzten Kaisers Haile Selassie, Asfa-Wossen Asserate, hat eine Landreform in seiner Heimat eingefordert. Fast zwanzig Jahre nach dem blutigen Militärputsch befinde sich das gesamte Land immer noch im Eigentum des Staates, kritisierte Asserate am Wochenende bei einer Tagung der siebten Österreichischen Akademie in Innsbruck. Ziel müsse außerdem der Aufbau eines demokratischen und föderalistischen Äthiopiens mit einer sozialen Marktwirtschaft sein.

Wenn Bauern eigenen Grund und Boden bestellen würden, könnte dies entsprechende Motivation für ein besseres Funktionieren der Landwirtschaft und damit ein Mittel gegen Hungerkatastrophen sein. Eine Landreform sei bereits 1974 von den damaligen Putschisten versprochen worden. Bis heute seien derartige Reformen aber ausgeblieben, auch wenn das kommunistische Regime 1991 gestürzt worden war. Es genüge nicht, die ehemaligen Großgrundbesitzer vertrieben zu haben. Für einen Landwirt sei es letztlich egal, ob der von ihm bestellte Grund und Boden Aristokraten oder dem Staat gehöre. Derzeit seien nach anhaltender Dürre fünfzehn Millionen Menschen vom Hungertod bedroht, berichtete Asserate bei der Veranstaltung, die von den Katholisch Österreichischen Landsmannschaften organisiert wurde.

"Land für denjenigen, der es auch bebaut"

Äthiopien sei groß genug für eine derartige Landreform. Vom fruchtbaren Boden, auf dem intensive Landwirtschaft betrieben werden könnte, würden heute nicht einmal fünfzehn Prozent bearbeitet. Die frühere Forderung "Land für denjenigen, der es auch bebaut" müsse endlich umgesetzt werden. Der Staat solle sich in eine beratende Position zurückziehen, den Bauern Hilfestellungen bieten und Mut zur Eigenititiative fördern.

An der seit 1991 regierenden EPRDF kritisierte Asserate im Gespräch mit der APA, dass ihr gesamtes Konzept auf eine ethnische Förderation aufgebaut sei. In einem Vielvölkerstaat mit 120 Völkern und 84 Sprachen sei dies aber "gefährlich". Äthiopien sei immer eine multiethnische Gesellschaft gewesen. Ziel sollte ein föderalistischer Bundesstaat nach dem Vorbild Deutschlands oder der USA sein.

Ob die Staatsform wieder eine konstitutionelle Monarchie sein könnte, darüber solle das 65 Millionen Einwohner zählende Land in einer Volksabstimmung entscheiden. Die Krone sei das älteste nationale Erbe der Äthiopier und gehöre nicht einer Familie alleine. Das Volk habe nie die Möglichkeit gehabt, selbst über die Fortführung der Monarchie zu entscheiden. Eine Volksabstimmung wäre eine geeignete Möglichkeit, auch zur Legitimierung der derzeitigen Regierung. Diese Ansicht vertrete auch der Kaiserliche Kronrat, der vom Enkel des letzten Kaisers, Ermias Sahle Selassie - einem Coussin Asserates - in Washington geführt werde. In den USA lebe mit etwa einer Million Äthiopier der Großteil jener Landsleute, die ins Exil gehen hätten müssen. Die jetzige Regierung sollte alles unternehmen, um die in aller Welt verstreute geistige Elite des Landes wieder zur Rückkehr in die Heimat zu bewegen.

Asserate wurde 1948 in Addis Abeba als Sohn des bei der Revolution ermordeten Präsidenten des Kaiserlichen Kronrates, Herzog Ras Asserate Kassa, geboren. Er studierte in Tübingen, Cambridge und Frankfurt. 1975 gründete er die erste Menschenrechtsorganisation Äthiopiens (mit Sitz in Frankfurt). Außerdem ist Asserate Kuratoriumsvorsitzender des 1993 gegründeten "Orbis Aethiopicus", einer Vereinigung zur Erhaltung und Förderung der äthiopischen Kultur. Er lebt in Frankfurt und ist als Unternehmensberater für Afrika und den Mittleren Osten tätig. (APA)

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