Lehrer war bei Schülerinnen gefürchtet

22. Oktober 2002, 11:13
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Landesschulrat St. Pölten: Bis zur Verhaftung des Pädagogen keine einschlägigen Verdachtsmomente

St. Pölten - Der 47-jährige Hauptschullehrer aus dem Bezirk Melk (NÖ), der in den vergangenen Jahren zahlreiche Schülerinnen sexuell ausgenützt haben soll, bleibt bis auf weiteres in U-Haft im Landesgericht St. Pölten. Die Gendarmerie muss Dutzende Hinweise aus der betroffenen Schule überprüfen. Der amtsführende Präsident des Landesschulrates in Niederösterreich, Adolf Stricker, sagte Montag, es habe bis zur entsprechenden Anzeige vor drei Wochen keine Verdachtsmomente gegen den Lehrer gegeben.

Schülerinnen und Schüler schildern hingegen, dass der Lehrer, der Mathematik und Maschinschreiben unterrichtete, einen "einschlägigen Ruf" gehabt habe. "Alles einziehen" habe es während des Unterrichts immer geheißen, so eine Schülerin. Vor allem während der Maschinschreibstunden habe der Lehrer regelmäßig unaufgefordert Schülerinnen den Nacken und Halsbereich massiert. Für eine Gegenwehr gegen die ungewollten Berührungen des Herrn Fachlehrers seien die meisten Schülerinnen "zu feig" gewesen, manche Schülerinnen hätten jedoch gerade in letzter Zeit den Unterricht geschwänzt.

Eltern fühlen sich übergangen

Viele Eltern fühlen sich übergangen, sie wurden von den Anschuldigungen gegen den 47-Jährigen nicht informiert. Auch die Schüler glaubten an eine Krankheit des Lehrers, bis vergangenen Freitag Psychologinnen des Vereins "Möwe" in die Schule kamen und Beratungsgespräche durchführten.

Laut Stricker wurde der 47-jährige Familienvater am achten Oktober vom Dienst suspendiert. Zuvor hatte eine ehemalige Schülerin bei der Gendarmerie Anzeige erstattet: Sie sei im Alter von zwölf Jahren von dem Lehrer im Klassenzimmer sexuell genötigt worden. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft in zwei Dutzend weiteren Fällen aus den vergangenen acht Jahren. Ein angebliches Geständnis wurde vorerst nicht bestätigt. Das Verfahren befindet sich im Stadium der Voruntersuchungen, für den Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

Als unrichtig erwies sich die Mutmaßung, dass der Pädagoge wegen ähnlicher Delikte bereits einmal versetzt worden sei. Präsident Stricker: "Er wurde zwar vor zwanzig Jahren versetzt, aber aus ganz anderen Gründen." (simo/DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2002)

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