Enttäuschendes Deutschland

20. Oktober 2002, 11:15
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Wirtschaftsforschungsinstitute senken drastisch die Prognosen

Berlin – Die sechs führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognosen für Deutschland für dieses und kommendes Jahr drastisch nach unten gesenkt. In ihrem Herbstgutachten sagen die Wissenschaftler für 2002 ein Konjunkturplus von gerade noch 0,4 Prozent voraus, wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" am Samstag vorab berichtete. Für 2003 prognostizierten sie den Angaben zufolge 1,4 Prozent.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung sehe die Lage in einem Minderheitenvotum noch düsterer, heißt es.

Waren die Institute im Frühjahrsgutachten vom April noch für dieses Jahr von einem Wachstum des realen Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 0,9 Prozent und für nächstes Jahr von 2,4 Prozent ausgegangen, so liegen die offiziellen korrigierten Prognosen für das Wirtschaftswachstum im Jahr 2002 inzwischen nach jüngsten Angaben des deutschen Wirtschaftsministeriums in einem Spektrum von 0,4 Prozent bis 0,9 Prozent. Dies ergibt den Angaben zufolge ein Mittel von 0,7 Prozent.

Auch Bundesverband der Deutsche Industrie korrigiert

Auch der Bundesverband der Deutsche Industrie korrigierte seine Prognosen stark nach unten. Präsident Michael Rogowski erwartet für 2002 lediglich 0,3 Prozent und für 2003 "mit Mühe" mehr als ein Prozent. Die Arbeitslosenzahl werde im Winter auf 4,5 Millionen wachsen, sagte Rogowski der "Berliner Zeitung". Er gab den rot-grünen Sparbeschlüssen die Schuld für die Entwicklung. Nur wenn die Regierung auf direkte oder indirekte Steuererhöhungen verzichte, sei ein Stimmungsumschwung in der Wirtschaft möglich.

Die Institute hatten in ihrem Frühjahrsgutachten für Deutschland einen Aufschwung spätestens 2003 prognostiziert. "Die Talsohle ist durchschritten", hieß es damals. Rezessionsgefahr bestehe nicht mehr. Auch eine Entspannung am Arbeitsmarkt sei allmählich in Sicht. Die Besserung am Stellenmarkt werde 2002 noch gering ausfallen, aber 2003 rund 250.000 neue Jobs bringen. Die durchschnittliche Zahl der Arbeitslosen von knapp vier Millionen in diesem Jahr werde 2003 auf rund 3,8 Millionen sinken.

Fingerzeig durch Institut für Weltwirtschaft

Einen deutlichen Fingerzeig für die aktuelle Konjunktureinschätzung auf Institutsseite lieferte erst im September bereits das Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel (IfW), das seine BIP-Prognose für Deutschland für 2002 deutlich auf plus 0,4 Prozent von zuvor erwarteten plus 1,2 Prozent zurückschraubte. Für 2003 erwarten die Kieler Wirtschaftsforscher nun eine BIP-Zunahme um 1,8 Prozent.

Zuvor hatte bereits der Internationale Währungsfonds seine Prognose für das deutsche Wachstum für 2002 auf 0,5 Prozent von zuvor 0,9 Prozent und für 2003 auf 2,0 Prozent von zuvor 2,7 Prozent heruntergefahren. Die deutsche Bundesregierung rechnet offiziell noch immer mit einem BIP-Plus von 3/4 Prozent in diesem und 2-1/2 Prozent im kommenden Jahr. Die Regierung stellt aber traditionell erst wieder eine neue Prognose, wenn im November die Ergebnisse der jüngsten Steuerschätzung vorliegen. Dies will Bundesfinanzminister Hans Eichel auch 2002 so halten. (APA/AP/Reuters/vwd)

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