Eröffnung in Wahlkampf-Spannung

19. Oktober 2002, 14:14
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40. Wiener Filmfestival startete im Gartenbaukino mit Dokumentarfilm "Etre et avoir" über französische Gesamtschule

Wien - Unter dem Eindruck der Wahlkampf-Spannung stand am Freitag Abend die Eröffnung der 40. Viennale im Wiener Gartenbaukino. Hatte ORF-Journalistin Gabriele Flossmann als Moderatorin in Anspielung auf die Nestroy-Gala noch ironisch das Publikum beruhigt, es brauche keine Angst haben, das dass Podium hier für politische Reden benutzt werde, so fragte schon der erste Redner, Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (S), "Wo denn sonst, wenn nicht in den Stätten der Kunst, sollte von Künstlern Stellung bezogen werden?"

Viele Beiträge zum "Nestroy-Skandal" erinnerten ihn an Kaiser Ferdinands "Ja, dürfen's denn das?"-Reaktion auf die Revolution von 1848, so Mailath-Pokorny, dessen Forderung "Kunst hat nicht dem zahlenden Sponsor zu dienen, sondern umgekehrt" heftigen Applaus erntete.

Menasses Wörterbuch

Viennale-Präsident Eric Pleskow knüpfte in seiner Rede an Robert Menasses polemisches "Kleines österreichisches Wörterbuch" an, das am Freitag in der Süddeutschen Zeitung (Freitag-Ausgabe) unter der Untertitel "Man stelle sich das Gegenteil dessen vor, was man für logisch hält, und setze es als Normalität voraus - Zum besseren Verständnis der Alpenrepublik vor der Wahl" erschien. Pleskow erheiterte die Anwesenden dabei unter anderem mit der Anregung, Kärntens Landesfürst möge doch bei seinem nächsten Irak-Besuch seinen früheren Generalsekretär als Gastgeschenk mitbringen und mit dem Vorschlag an die Regierung, die Opfer der Hochwasser-Katastrophe doch genauso zu behandeln wie die Opfer des Nationalsozialismus: "Das würde viel Geld sparen."

"Wir haben die Wahl. Aber haben wir wirklich eine Wahl ?" fragte schließlich Viennale-Leiter Hans Hurch "angesichts des täglichen Opportunismus in der Politik" und forderte statt Meinungen Haltungen ein und Grundsätze, die nicht mit einer negativen Medienberichterstattung schwinden. Insbesondere kritisierte Hurch die en passant durchgeführte Abschaffung des Sozialstaats sowie die Unterhöhlung des Kulturauftrags und den politischen Missbrauch des ORF. Im Kino wie in der Politik gehe es darum, die Welt unterscheidbar, Brüche und Gegensätze sichtbar zu machen. Insofern habe diese Regierung auch etwas Positives geleistet, nämlich die Gegensätze im Land deutlich hervor treten zu lassen, so Hurch.

Einen letzten satirischen Beitrag vor dem Eröffnungsfilm lieferte die Peformance-Truppe Maschek mit einem Fake-Video, einer synchronisierten Übertragung der TV-Preisverleihungs-Show "Dokefa" - der Abkürzung für "der ORF kauft einen Film an" - in der Bundespräsident Thomas Klestil schließlich als Sieger Joe Zawinul als Franz Antel für seine verharmlosenden filmischen Wehrmacht-Erinnerungen auszeichnet.

Als Eröffnungsfilm wurde heuer erstmals eine Dokumentation gezeigt. Nicolas Philiberts "Etre et avoir" (Sein und Haben) ist das Porträt einer Gesamtschule in einem Dorf in der Auvergne. Über ein Schuljahr lang begleitet die Kamera die Schüler von etwa vier bis zehn Jahren im Ganztagesunterricht, aber auch in ihrem bäuerlichen Familienumfeld. Ein berührendes Dokument kindlicher Offenheit und Verletzlichkeit, eingefangen in ruhigen Bildern und intimen Szenen. Ein Appell an Menschlichkeit jenseits bloßen Leistungsdenkens, der durchaus auch programmatisch und politisch gesehen werden kann. (APA)

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