'Nestroy'-Erinnerungen im Gartenbaukino
Wien - Unter dem Eindruck aktueller Themen der Innenpolitik stand
am Freitag, 18. 10., abends die Eröffnung der 40. Viennale im Wiener
Gartenbaukino - vor allem der Nachwehen der eine Woche zuvor abgehaltenen "Nestroy"-Gala mit den Debatten um die Meinungsfreiheit von Gastrednern.
So beruhigte ORF-Journalistin Gabriele Flossmann als
Moderatorin in Anspielung auf die Nestroy-Gala das
Publikum ironisch, es brauche keine Angst haben, dass sie das Podium für politische Reden benutze (Zwischenruf: "Tu's doch!").
Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (S) kam dann doch um Positionen nicht herum: "Wo denn sonst, wenn
nicht in den Stätten der Kunst, sollte von Künstlern Stellung bezogen
werden?"
Viele Beiträge zum "Nestroy-Skandal" erinnerten ihn an Kaiser
Ferdinands "Ja, dürfen's denn das?"-Reaktion auf die Revolution von
1848, so Mailath-Pokorny, dessen Forderung "Kunst hat nicht dem
zahlenden Sponsor zu dienen, sondern umgekehrt" heftigen Applaus
erntete.
Viennale-Präsident Eric Pleskow, nach erzwungener Emigration langjährig Produzent in Hollywood, knüpfte in einer knappen und pointenreichen Ansprache an Robert
Menasses polemisches "Kleines österreichisches Wörterbuch" an, das am
Freitag in der Süddeutschen Zeitung unter der
Untertitel "Man stelle sich das Gegenteil dessen vor, was man für
logisch hält, und setze es als Normalität voraus - Zum besseren
Verständnis der Alpenrepublik vor der Wahl" erschien.
Pleskow
erheiterte die Anwesenden dabei unter anderem mit Schilderungen von jüngsten Begegnungen mit "Trachterten mit Schmiss", mit der Anregung,
der Landesfürst möge doch bei seinem nächsten Irak-Besuch seinen
früheren Generalsekretär als Gastgeschenk mitbringen und mit der Kommentierung des
Vorschlags, die Opfer der Hochwasser-Katastrophe doch
genauso zu behandeln wie die Opfer des Nationalsozialismus: "Das
würde viel Geld sparen."
"Wir haben die Wahl. Aber haben wir wirklich eine Wahl?" fragte
schließlich Viennale-Leiter Hans Hurch "angesichts des täglichen
Opportunismus in der Politik" und forderte statt Meinungen Haltungen
ein und Grundsätze, die nicht mit einer negativen
Medienberichterstattung schwinden. Insbesondere kritisierte Hurch die
en passant durchgeführte Abschaffung des Sozialstaats sowie die
Unterhöhlung des Kulturauftrags und den politischen Missbrauch des
ORF. Im Kino wie in der Politik gehe es darum, die Welt
unterscheidbar, Brüche und Gegensätze sichtbar zu machen.
Einen letzten satirischen Beitrag vor dem Eröffnungsfilm lieferte
die Peformance-Truppe Maschek mit einem Fake-Video, einer
synchronisierten Übertragung der TV-Preisverleihungs-Show "Dokefa" -
der Abkürzung für "der ORF kauft einen Film an" - in der
Bundespräsident Thomas Klestil schließlich als Sieger Joe Zawinul als
Franz Antel für seine verharmlosenden filmischen
Wehrmacht-Erinnerungen auszeichnet.
Als Eröffnungsfilm wurde heuer erstmals eine Dokumentation
gezeigt. Nicolas Philiberts "Etre et avoir" (Sein und Haben) ist das
Porträt einer dörflichen Einraum-Volksschule in der Auvergne. Über ein
Schuljahr lang begleitet die Kamera die Schüler von etwa vier bis
zehn Jahren mit ihrem Lehrer, aber auch in ihrem bäuerlichen
Familienumfeld. Ein Dokument kindlicher Offenheit und
Verletzlichkeit, eingefangen in ruhigen Bildern und intimen Szenen mit zahlreich gesetzten kleinen Pointen.
Ein Appell an Menschlichkeit jenseits bloßen Leistungsdenkens, der durchaus auch programmatisch und politisch gesehen werden kann. (APA/red)