Viennale-Eröffnung in politischem Umfeld

22. Oktober 2002, 23:39
posten

'Nestroy'-Erinnerungen im Gartenbaukino

Wien - Unter dem Eindruck aktueller Themen der Innenpolitik stand am Freitag, 18. 10., abends die Eröffnung der 40. Viennale im Wiener Gartenbaukino - vor allem der Nachwehen der eine Woche zuvor abgehaltenen "Nestroy"-Gala mit den Debatten um die Meinungsfreiheit von Gastrednern.

So beruhigte ORF-Journalistin Gabriele Flossmann als Moderatorin in Anspielung auf die Nestroy-Gala das Publikum ironisch, es brauche keine Angst haben, dass sie das Podium für politische Reden benutze (Zwischenruf: "Tu's doch!").

Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (S) kam dann doch um Positionen nicht herum: "Wo denn sonst, wenn nicht in den Stätten der Kunst, sollte von Künstlern Stellung bezogen werden?" Viele Beiträge zum "Nestroy-Skandal" erinnerten ihn an Kaiser Ferdinands "Ja, dürfen's denn das?"-Reaktion auf die Revolution von 1848, so Mailath-Pokorny, dessen Forderung "Kunst hat nicht dem zahlenden Sponsor zu dienen, sondern umgekehrt" heftigen Applaus erntete.

Viennale-Präsident Eric Pleskow, nach erzwungener Emigration langjährig Produzent in Hollywood, knüpfte in einer knappen und pointenreichen Ansprache an Robert Menasses polemisches "Kleines österreichisches Wörterbuch" an, das am Freitag in der Süddeutschen Zeitung unter der Untertitel "Man stelle sich das Gegenteil dessen vor, was man für logisch hält, und setze es als Normalität voraus - Zum besseren Verständnis der Alpenrepublik vor der Wahl" erschien. Pleskow erheiterte die Anwesenden dabei unter anderem mit Schilderungen von jüngsten Begegnungen mit "Trachterten mit Schmiss", mit der Anregung, der Landesfürst möge doch bei seinem nächsten Irak-Besuch seinen früheren Generalsekretär als Gastgeschenk mitbringen und mit der Kommentierung des Vorschlags, die Opfer der Hochwasser-Katastrophe doch genauso zu behandeln wie die Opfer des Nationalsozialismus: "Das würde viel Geld sparen."

"Wir haben die Wahl. Aber haben wir wirklich eine Wahl?" fragte schließlich Viennale-Leiter Hans Hurch "angesichts des täglichen Opportunismus in der Politik" und forderte statt Meinungen Haltungen ein und Grundsätze, die nicht mit einer negativen Medienberichterstattung schwinden. Insbesondere kritisierte Hurch die en passant durchgeführte Abschaffung des Sozialstaats sowie die Unterhöhlung des Kulturauftrags und den politischen Missbrauch des ORF. Im Kino wie in der Politik gehe es darum, die Welt unterscheidbar, Brüche und Gegensätze sichtbar zu machen.

Einen letzten satirischen Beitrag vor dem Eröffnungsfilm lieferte die Peformance-Truppe Maschek mit einem Fake-Video, einer synchronisierten Übertragung der TV-Preisverleihungs-Show "Dokefa" - der Abkürzung für "der ORF kauft einen Film an" - in der Bundespräsident Thomas Klestil schließlich als Sieger Joe Zawinul als Franz Antel für seine verharmlosenden filmischen Wehrmacht-Erinnerungen auszeichnet.

Als Eröffnungsfilm wurde heuer erstmals eine Dokumentation gezeigt. Nicolas Philiberts "Etre et avoir" (Sein und Haben) ist das Porträt einer dörflichen Einraum-Volksschule in der Auvergne. Über ein Schuljahr lang begleitet die Kamera die Schüler von etwa vier bis zehn Jahren mit ihrem Lehrer, aber auch in ihrem bäuerlichen Familienumfeld. Ein Dokument kindlicher Offenheit und Verletzlichkeit, eingefangen in ruhigen Bildern und intimen Szenen mit zahlreich gesetzten kleinen Pointen. Ein Appell an Menschlichkeit jenseits bloßen Leistungsdenkens, der durchaus auch programmatisch und politisch gesehen werden kann. (APA/red)

Siehe auch

Die Eröffnungsrede von Hans Hurch

"Haben wir wirklich eine Wahl?"
Share if you care.