Bundeskriminalamt warnt vor Terroranschlägen in Deutschland

19. Oktober 2002, 12:24
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"Spiegel" und "Focus" berichten von Analyse - Attentat von Djerba als "Botschaft"

Hamburg/München - Das deutsche Bundeskriminalamt warnt nach übereinstimmenden Presseberichten vor einer erhöhten Gefahr terroristischer Anschläge in Deutschland. Nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden könnten erstmals Einrichtungen in Deutschland selbst Ziel islamistischer Attentäter werden, meldete das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" am Samstag im Voraus. Das Münchner Magazin "Focus" berichtete ebenfalls unter Berufung auf das BKA von einer verschärften Sicherheitslage. Für deutsche Einrichtungen im Ausland gelte die höchste Sicherheitsstufe.

Insbesondere nach dem Anschlag auf Bali habe sich die Gefährdung in der Bundesrepublik Deutschland nach der Warnung des BKA "erheblich erhöht", schrieb "Der Spiegel". Auf Grund der Einbindung Deutschlands in die internationale Koalition gegen den Terror sei das Risiko gestiegen, dass Islamisten hier Terrortaten verübten.

Grund für die Warnung sei auch eine Rede des Bin-Laden-Stellvertreters Aiman Al Zawahiri, berichtete das Nachrichtenmagazin. Der Ägypter habe in einem Anfang Oktober von dem Sender Al Jazeera ausgestrahlten Interview mit Blick auf den Anschlag gegen deutsche Touristen in Djerba im April gedroht: "Die Mudschahedin-Jugend sandte eine Botschaft an Deutschland und eine andere an Frankreich. Sollte aber die Dosis nicht ausreichend gewesen sein, so sind wir bereit - natürlich mit Hilfe Allahs -, die Dosis zu erhöhen." Bund und Länder haben deshalb laut "Spiegel" die Sicherheitsmaßnahmen auf das Niveau der Zeit direkt nach dem 11. September 2001 verschärft.

Während Deutschland von Terroristen bisher in erster Linie als "Planungs- und Ruheraum" genutzt worden sei, drohten jetzt auch hier Anschläge, berichtete der "Focus" im Voraus. Über die Anzahl der islamistischen Kämpfer in Deutschland habe das BKA keine genauen Angaben. Die Ermittler befürchteten, dass etliche aus Afghanistan geflohene El-Kaida-Kämpfer nach Deutschland geschleust worden seien.

Deutsche Einrichtungen im Ausland seien nach der vertraulichen BKA-Analyse neuerdings genauso gefährdet wie US-Institutionen, berichtete das Münchner Nachrichtenmagazin. Das BKA melde der US-Bundespolizei alle Verdächtigen, die von Deutschland aus in die USA reisten. US-Behörden befürchteten einen Anschlag der El Kaida auf die USA in den nächsten zwei Wochen.

Zu den Anschlägen auf Bali meldete der "Focus", ein Mitte September in der indonesischen Hauptstadt Jakarta verhafteter 42-Jähriger aus Herbolzheim bei Freiburg werde derzeit intensiv über eine mögliche Verwicklung vernommen. Bei dem Deutsch-Ägypter Reda S. seien detaillierte Unterlagen über den Bau und die Wirkung von Bomben gefunden worden.

Die Terroranschläge von Bali werden den internationalen Tourismus nach Einschätzung des früheren TUI-Vorstands Karl Born massiv verändern. "Die Welt lässt sich nicht mehr in sichere oder unsichere Gebiete unterteilen", sagte der Tourismusprofessor dem "Focus". Überall könne etwas passieren. Durch Stacheldraht und bewaffnetes Personal gesicherte Hotels gehörten künftig zum Urlaubsalltag.

Drei Viertel aller Deutschen wollen nach einer Umfrage im Auftrag der "Welt am Sonntag" angesichts der jüngsten Terroranschläge auf Touristen nicht mehr in islamische Länder in Urlaub fahren. Junge Menschen haben danach weniger Bedenken als ältere und Frauen mehr als Männer. (APA/AP)

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