Schulbesuch aus einem fachfremden Ressort

18. Oktober 2002, 20:37
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Minister Bartenstein im "Werkschulheim"

Wien - Wenn Wahlkampf ist, dann tauchen Politiker auch an Stellen auf, wo man sie sonst eher nicht vermutet. Gute Gelegenheit für die Betroffenen, Wünsche ans Christkind zu äußern.

So besuchte Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (ÖVP) das Evangelische Gymnasium in Wien, eine Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht. Deren zwei Jahre junger Zweig, das "Werkschulheim" (Matura plus Lehrabschluss), war im vergangenen Jahr akut in seinem Fortbestand gefährdet. Nach dem Eltern-Aufschrei beruhigte sich die Situation. Für den nötigen, nun genehmigten Schulneubau wünschte sich Direktorin Regine Gussenbauer vom Wirtschaftsressort Unterstützung.

Bartenstein bringt "guten Willen", seine Besucher-Legitimation ("ich bin auch evangelisch"), plus ein Dutzend Computer mit, die in seinem Ministerium frei werden - "kein Gerümpel", wie sich der Minister anzumerken beeilt. "Da kriegt ihr was zu tun", sagt er, zu den Jugendlichen gewandt. Die schweigen höflich.

Eine Stunde verbringt der Politiker sodann in den Werkstätten, wo Jugendliche in neun Jahren neben der Schule zu drei Berufen - Goldschmied, EDV-Techniker, Tischler - ausgebildet werden. "Was macht mehr Spaß, Unterricht oder Praxis?" Der Minister versucht, die Jugendlichen aus der Reserve zu locken. Die Antwort fällt erwartungsgemäß eindeutig aus. Was sie später vorhätten? "Uns stehen viele Möglichkeiten offen", meint eine angehende EDV-Technikerin - umgeben von ihrer vorwiegend männlich besetzten Klasse.

Die angehenden Jungtischler bemühen sich angesichts des hohen Besuchs, trotzdem cool weiterzuhämmern. Innenarchitekt wolle er werden, sagt ein Bursch, vom Minister angesprochen. "Matura mit Lehre zu kombinieren, das ist extrem gescheit", gibt sich der beeindruckt.

Den Wunsch des Elternvereins - ein kostenloses Consulting der Bundesimmobiliengesellschaft für den Neubau - "schauen wir uns an", verspricht Bartenstein. Nur ein Nachsatz fehlt: Wenn er nach der Wahl noch am gleichen Platz sitzt ... (Martina Salomon/DER STANDARD, Printausgabe, 19/20.10.2002)

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