"Ein warmer menschlicher Hauch"

19. Oktober 2002, 12:00
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Leopold Weiss aka Muhammad Asad - die Rekonstruktion des spektakulären Lebens eines Wieners unterwegs zum Islam

Leopold Weiss, der nach seinem Übertritt zum Islam den Namen Muhammad Asad annahm, wurde im Jahre 1900 im galizischen Lemberg geboren und starb 1992 in Andalusien; dazwischen lebte er ein Leben voller Grenzüberschreitungen und Widersprüche, war Journalist, Reisender, Politiker, Schriftsteller und islamischer Theologe. Den frühen Teil der bisher noch teils unerschlossenen Biographie dieser faszinierenden Persönlichkeit hat nun der junge Ethnologe Günther Windhager aufgearbeitet und zugänglich gemacht (Leopold Weiss alias Muhammad Asad. Von Galizien nach Arabien 1900 - 1927, EURO 24,90/232 Seiten, Böhlau, Wien 2002).

Begonnen hatte alles ganz unspektakulär. Wie viele junge Männer aus dem altösterreichischen jüdischen Provinzbürgertum war Leopold Weiss nach Wien gekommen, um dort ein Studium zu absolvieren.

Schließlich brach Weiss seine Wiener Studien jedoch kurzerhand ab und übersiedelte 1920 nach Berlin. Auch dort führte er ein etwas bohemienhaftes Leben und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, unter anderem als Hilfsregisseur bei Friedrich Wilhelm Murnau. Später verfasste er erste journalistische Arbeiten.

Die Wiener und vor allem die Berliner Erfahrungen und bestimmend für das "Unbehagen in der europäischen Kultur", das Weiss damals zu verspüren begann. Seine eigene innere Unzufriedenheit ließ ihn die moralischen Defizite des optimistischen Fortschrittsglaubens jener Zeit durchschauen. "Hinter der Fassade Ordnung und Organisation des Abendlandes herrschte ethisches Chaos; es verriet sich in der vollkommenen Abwesenheit aller Übereinstimmung der Bedeutung von Gut und Böse und in der Selbstverständlichkeit, mit der man alles soziale und wirtschaftliche Streben dem Nützlichkeitsprinzip unterwarf", schrieb Weiss später; kalt, anonym, unmenschlich erschien ihm damals die europäische Zivilisation. Bei seiner ersten Reise in den Orient, die ihn 1922-23 nach Ägypten, Palästina, Syrien und in die Türkei führte, machte Weiss dann ganz andere Erfahrungen. Er entdeckte die islamische geprägte Welt für sich und damit ein "gänzlich neues Lebensgefühl": "Ein warmer menschlicher Hauch schien aus dem Blute der arabischen Menschen in ihre Gedanken und Gebärden zu strömen; da war nichts von jenen schmerzhaften Seelenspaltungen zu sehen, jenen Gespenstern der Angst, Gier und innerer Verdrängung, die das europäisch e Leben so hässlich und hoffnungsarm machten."

In den nächsten Jahren hielt Weiss sich nur wenig in Europa auf und bereiste ansonsten als Reiseschriftsteller Ägypten, Syrien, den Irak, Persien und Afghanistan. Immer mehr vertiefte er sich in die von ihm bewunderte orientalische Lebenskunst. "Zuerst verliebte er sich in die Araber und dann in ihren Glauben", lässt er später eine erfundene Figur seinen "Weg nach Mekka" zusammenfassen. 1927 schließlich konvertierte Weiss, der sich schon lange dem jüdischen Glauben seiner Herkunft entfremdet hatte, zum Islam.

Von dieser Religion erhoffte sich Muhammad Asad, wie Weiss fortan hieß, nicht bloß spirituelle Erfüllung, er erwartete sich von ihr auch eine Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse: "Die islamische Botschaft forderte und gebar eine Zivilisation, in welcher der Nationalismus keinen Platz hatte, in welcher es keine Klasseninteressen gab, keine Klassenunterschiede ... Das Ziel war, eine Theokratie in der Beziehung zu Gott und eine Demokratie in den Beziehungen zwischen den Menschen."

Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Würde: Diese Ideale seines politischen Islamverständnisses ließen Asad später Berater Ibn Sauds, des Begründers des Königreichs Saudi-Arabien werden und noch später Botschafter des neugegründeten Staates Pakistan bei den Vereinten Nationen. Eine Verwirklichung seiner hohen Ansprüche erreichte er dabei freilich nicht. Insofern als Befürworter theologisch inspirierter politisch-sozialer Reformprojekte gründlich gescheitert, ist Asad als Übersetzer und Kommentator des Korans und als Vermittler islamischer Wertvorstellungen an den Westen allerdings noch heute unvermindert bedeutend - gerade in einer Zeit, in der die westliche Kenntnis des Islams auf Schlagworte wie "Fundamentalismus" und "Terrorismus" geschrumpft ist.

Den ersten Teil seiner spannenden und bildenden Weiss-Asad-Biographie konnte Günther Windhager verfassen, als er Mitarbeiter eines bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften angesiedelten Forschungsschwerpunktes unter Leitung des Wittgenstein-Preisträgers Andre Gingrich war. Es steht zu hoffen, dass in absehbarer Zeit für die Erarbeitung der Fortsetzung wieder ähnlich förderliche Bedingungen bestehen. Die eindrucksvolle Persönlichkeit des kosmopolitischen "Altösterreichers" Weiss-Asad würde es lohnen. (Stefan Broniowski/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 10. 2002)

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