Digitaler Doppeladler

19. Oktober 2002, 11:00
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Projekt "Kakanien revisisted": Kulturwissenschafter aus allen habsburgischen Nachfolgestaaten im Netz

Eine erstaunliche Karriere hat der von Musil geprägte Begriff für alles unter dem k.u.k. Doppeladler, Kakanien, gemacht, von einer kritischen Chiffre über Nostalgiewellen aus dem Süden bis zu einem erneuten Besuch via Netz und Print: "Kakanien revisisted" ist die Visitkarte einer Plattform, deren Beschreibung eigentlich eine mehrdimensionale Schautafel erfordert. Vor einem Jahr in Betrieb genommen (wir berichteten), vereinigt "Kakanien revisisted" inzwischen nämlich Folgendes in sich: - eine Online-Übersicht von über 100 Beiträgen und Fallstudien über die Monarchie aus der Sicht von Kulturwissenschaftern vor allem der Nachfolgestaaten, dazu ähnliche viele Materialien, Rezensionen und Projektvorstellungen; - Abstracts der Beiträge auf deutsch und in einer zweiten Sprache nach Wahl der AutorInnen; - Einführungen in 17, darunter allen mittel- und osteuropäischen Sprachen; - Hinweise auf Veranstaltungen, calls for papers, Bücher und "Sonstiges".

Somit ist das vom Germanisten Peter Plener erfundene und mit k.u.coolem Logo (siehe Bild) versehene virtuelle Kakanien zu einem Tauschzentrum für Mittel- und Osteuropaforscher geworden. Der tägliche Zugriff von mehr als 150 Suchenden (zuzüglich zu redaktionsinternen entries), nur etwa zur Hälfte aus dem Inland, bestätigt das. Die Interessenten können sich zum Beispiel ein erstes Bild machen von den Beziehungen zwischen den Wiener Literaten der Jahrhundertwende und ihren englischen Vorbildern, die Sylvie Arlaud in Lyon untersucht hat. Oder von der Rolle der Kultur in den zerfallenden europäischen Reichen insgesamt (nachzulesen bei Emil Brix). Oder von Moritz Csákys Untersuchungen über die Heterogenität in den urbanen Milieus. Letzterer ist auch mit dem von ihm initiierten Sonderforschungsbereich "Moderne" (Graz) in dem postmonarchischen Clearinghouse vertreten.

Alle Beiträge kann man als Volltext herunterladen. Im Unterschied zu vielen Publikationsmöglichkeiten im Internet unterliegt die vorliegende ähnlich strengen Zugangsbestimmungen wie bei Fachzeitschriften: "Die eingelangten Beiträge", sagt Plener, "werden anonymisiert an Gutachter verschickt, die über die Veröffentlichung entscheiden."

Die Plattform ist das Ergebnis einer offenbar selber gut vernetzten Unterstützungssynergie: Finanziert wird sie vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, den Server stellt die Universität Wien zur Verfügung, Plener ist zur Zeit Mitarbeiter an einem FWF-Projekt über Erinnerungskonstruktionen und Inszenierungen. Zum Doppeladler passt, dass die technische Leitung der Website bei Gábor Békési liegt.

Kakanien revisited ist auch der Titel eines eben vorgestellten Buches über "Das Eigene und das Fremde (in) der österreichisch-ungarischen Monarchie" (EURO 40,10/362 Seiten, A. Francke Verlag, Tübingen und Basel 2002). Das Anliegen der Herausgeber Wolfgang Müller-Funk, Peter Plener und Clemens Ruthner war es, die Funktionen der wechselseitigen Bilder begreifbar zu machen: Die mehr als zwei Dutzend Beiträge dekodieren Formen einer Herrschaftslogik, analysieren literarische Klischees oder die zeitgenössische Publizistik und präsentieren Fallstudien.

Warum das alles? Die beteiligten Wissenschafter treibt keine Habsburg-Nostalgie an, auch deren Gegenteil, die seit damals kultivierte Abgrenzung um jeden Preis, ist kein Motiv - sehr wohl aber ein Untersuchungsobjekt. Das Forschungsinteresse lässt sich mit den bevorstehenden Veränderungen im neuen Mittel-und Osteuropa in Zusammenhang bringen. Diese aber bleiben ohne ein Verständnis der Vergangenheit selber unverstanden. Es lassen sich andererseits europäische Verhältnisse denken, schreibt Müller-Funk, "in denen bretonische Lieder gesungen werden, ohne dass sich die Fäuste in der Tasche ballen, und in denen die Qualität der Liebe mehr zählt als ihre jeweilige geschlechtliche Beschaffenheit". Das klingt schon fast wieder nach Musil. (Michael Freund/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 10. 2002)

"Kakanien revisisted"

Ein Tipp aus dem kakanischen Web: die Ausstellung über den Zeichner und Maler (und Autor) Bruno Schulz, noch bis 19. Jänner 2003 im Jüdischen Museum Wien.
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