Altes Mittel, neuer Zweck

19. Oktober 2002, 10:00
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Ob Vasopressin vermehrt bei Herz-Kreislaufstillstand eingesetzt wird, hängt unter anderem von einer Beipack-Entscheidung ab

Als bei Patienten, die einen Herz-Kreislaufstillstand überlebt hatten, eine hohe Dosis an körpereigenem Vasopressin festgestellt wurde, schlossen Innsbrucker Intensivmediziner daraus, dass der Körper in einer lebensbedrohenden Situation diesen Wirkstoff verstärkt ausschüttet. In weiterer Folge, erklärt Volker Wenzel von der Universitätsklinik für Anästhesie und Allgemeine Intensivmedizin, "haben unsere Untersuchungen die Vermutung bestätigt, dass auch durch den Notarzt injiziertes Vasopressin nützlich ist und die Überlebenschance in den ersten 24 Stunden nach einem Herz-Kreislaufstillstand steigt."

Seit über 100 Jahren ist Adrenalin das Standard-Medikament, das bei einem plötzlichem Stillstand eingesetzt wird. Das Team um Wenzel und Karl H. Lindner und Wenzel hat nun, unterstützt vom FWF, nach jahrelangen erfolgreichen Untersuchungen nachgewiesen, dass der Wirkstoff Vasopressin mindestens so erfolgreich wie Adrenalin als Notfallmedikament bei der Herz-Lungen-Wiederbelebung eingesetzt werden kann.

Diese Erkenntnisse haben die American Heart Association bereits vor zwei Jahren zu einer Änderung der internationalen Richtlinien zur Herz-Lungen-Wiederbelebung veranlasst. Seitdem wird Vasopressin für die Therapie von erwachsenen Patienten mit Herzkammerflimmern empfohlen. Der Wirkstoff verbessert den Blutdruck und steigert so wahrscheinlich die Überlebenschancen des Betroffenen. Die Überlegenheit von Vasopressin gegenüber Adrenalin wurde mithilfe von Daten einer durch die Innsbrucker Wissenschaftler international organisierten klinischen Prüfung überprüft, die an 33 Notarzt-Stützpunkten in Österreich, der Schweiz und Deutschland an 1219 Patienten durchgeführt wurde. Die Resultate sind noch nicht veröffentlicht, doch man kann davon ausgehen, so Lindner, dass bereits die US-Empfehlung zu einem vermehrten Einsatz des Mittels führen wird.

Ein Problem allerdings gibt es zur Zeit bei der Verschreibung: Noch ist das Mittel auf dem Beipackzettel nicht für die womöglich lebensrettende Anwendung spezifiziert, sondern als Vasopressor, also Gefäßverenger. Der Erzeuger könnte das Medikament vom Markt nehmen, vor allem wenn es keine neues "Arbeitsfeld" dafür bestätigt bekommt. Allerdings, meint Lindner dazu, würden andere Firmen wohl bei der Produktion einspringen. Ob und wann es zu einer Beipack-Entscheidung kommt? "Diese Auskunft kann nur ein Rechtsexperte geben." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 10. 2002)

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