Graz: Tragödie einer Thalia

18. Oktober 2002, 20:16
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Das Baujuwel der 50er-Jahre, soll durch ein aufgesetztes Hotel und zwei Probebühnen erweitert werden...

Graz - Bis 1990 war die Thalia gleich neben der Oper ein intaktes Ensemble der 50er-Jahre - vom Kino über das Gartencafé mit Flamingos bis zu einer Bar mit schweren Klubsesseln. Die Chance, dieses Juwel zu erhalten, versäumten die Stadtväter, weil sie Investitionen scheuten: Sie ließen es zu, dass ein Gutteil des Interieurs abhanden kam. Und dass aus dem Saal eine Disco wurde, die Pleite machte.

In den letzten Jahren wurde die unter Denkmalschutz stehende Thalia weiter zerstört: Bürgermeister Alfred Stingl spricht inzwischen von einem "Schandfleck". Um diesen zu beseitigen, traf man mit dem Investor Acoton eine Vereinbarung: Er dürfe ein Hotel errichten und habe für 40 Jahre das Nutzungsrecht. Zudem sollen für die Oper zwei Probebühnen entstehen.

Gutachterverfahren

Acoton lud daraufhin drei lokale Architekten zu einem Gutachterverfahren ein, das Heiner Hierzegger für sich entschied. Aber weder die Vorgangsweise noch das Ergebnis befriedigt die Altstadt-Sachverständigenkommission, in der unter anderem Götz Pochat, Vorstand des Grazer Kunstgeschichte-Instituts, und die Architekten Volker Giencke und Michael Szyszkowitz sitzen: Sie lehnt das Projekt einstimmig ab.

Denn laut EU-Richtlinie sei aufgrund der Besonderheit des Standortes ein international ausgeschriebener Wettbewerb nötig. Zudem wirke das Projekt aufgesetzt, es belaste den historischen Umraum durch seine Disproportion. Selbst der Wiener Denkmalschutzexperte Manfred Wehdorn, vom Bauherrn mit einem Gutachten beauftragt, hatte eine "Reihe von Verbesserungsvorschlägen" einzubringen. Und gibt zu bedenken, ob man die Thalia, die nur mehr Fassade sei, überhaupt noch erhalten solle: "Das Ensemble wurde sukzessive kaputtgemacht."

Die Beamten, die das Projekt schnell durchziehen wollten (die Bettenburg mit 76 Zimmern hätte 2003 eröffnet werden sollen), bekamen kalte Füße: Das Baurechtsamt prüft derzeit die massiven Einwände der Sachverständigenkommission. Ob nun eine Baubewilligung erteilt wird, ist unklar. Die Künstlerin Elisabeth-Charlotte Merems und Brigitte Kenner, Frau des ehemaligen Uni-Rektors, haben inzwischen eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen. (Thomas Trenkler, DER STANDARD Printausgabe 19/20.10.2002)

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