Ogi oder der Sport als moralische Anstalt

18. Oktober 2002, 20:10
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Der Sport sei Lebensschule, Brücke, sittliche Veranstaltung, sagt Adolf Ogi, seines Zeichens UN-Sonder- beauftragter für Sport, Entwicklung, Frieden und Wanderprediger

Wien - "Ich bin wie ein Pfarrherr", sagt Adolf Ogi. Er sei ein Prediger, der von der Kanzel seine Sache unters Volk bringt, der reisend für den Sport, für Frieden und Entwicklung wirbt. Diese Aufgabe hat der ehemalige Schweitzer Bundespräsident als Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen seit dem vergangenen Jahr. Und diese Mission führte ihn Freitag nach Wien.

"Sport, Friede und Entwicklung haben sehr viel miteinander zu tun", erklärte Ogi im STANDARD-Gespräch. Der Sport sei global, wecke Emotionen bei allen Menschen; er sei ein "Vorläufer" zu Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Religion. Ein Vorläufer, mit dem sich Kulturkonflikte lösen ließen. Deswegen habe ihn UN-Generalsekretär Kofi Annan nach den Millenniumsfeiern und der Millenniumserklärung der UNO auch zum Sonderbeauftragten gemacht.

Eine von vielen scharf kritisierte Politisierung des Sports (Stichwort: die Olympischen Spiele 1936 in Nazideutschland) sieht Ogi darin nicht: "Ich bin auch gegen das Verpolitisieren des Sports. Aber der Sport hat eine Funktion: die der besten Lebensschule." Im Sport lernten die Menschen, den Gegner zu respektieren, zu siegen, ohne überheblich zu werden, zu verlieren, ohne in Weltuntergangsstimmung zu verfallen. Er bringe den Menschen bei, sich in eine Mannschaft zu integrieren - "was anderes bedeutet Demokratie?"

Der Sport also als sittliche Schule, als moralische Anstalt? "Ja, der Sport müsste in ein Schulfach unter dem Übertitel Ethik einfließen", so Ogi. Er wolle mit dem Sport Brücken zwischen Kulturen und Ländern bauen. Erfolgreiche Beispiele dafür gebe es bereits genug: den gemeinsamen Einmarsch der beiden Koreas bei den Olympischen Spielen in Sydney, die von Japan und Korea gemeinsam organisierte Fußball-WM.

Konkretes, was Entwicklungchancen für arme Staaten betrifft, wollte der UN-Sonderbeauftragte nicht benennen. Dass die Sportindustrie, die mit Menschen und Material aus Entwicklungsländern viel Geld verdient, hier ihr Scherflein leisten könnte, sei richtig. Er sei aber dazu da, Netzwerke auch mit der Industrie zu schaffen, die eben auch die UN-Unterorganisationen für ihre Anliegen nutzen könnten.

Insgesamt habe er als Sonderbeauftragter derzeit 130 Programme laufen, bei denen sich etwa Jugendliche aus dem ehemaligen Jugoslawien zum Basketball spielen treffen. Laufe alles gut, so Ogi, werde die Welt in einer Generation eine bessere sein. (Christoph Prantner/ DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.10.2002)

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