Cem Uzan, der türkische Berlusconi

18. Oktober 2002, 20:15
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Nationalismus und Populismus als Thema

Der Mann ist der Traum jeder Schwiegermutter. Cem Uzan (Foto) sieht gut aus, ist 42 Jahre jung und gehört außerdem zu den reichsten Erben des Landes. Der Uzan-Familie gehören nicht nur drei Fernsehsender und mit Star die größte Boulevardzeitung, der Clan gebietet auch über das zweitgrößte Handynetz der Türkei und ist außerdem noch im Energiesektor tätig. Doch Cem Uzan will mehr. Seit zwei Monaten tourt er durch die Türkei und tönt auf jeder Kundgebung: Nach der Wahl am 3. November werde ich Premier. Mit Uzan ist ein Phänomen auf der politischen Bühne der Türkei aufgetaucht, der sowohl an Berlusconi wie an Haider oder Pim Fortuyn erinnert.

Wie in anderen europäischen Ländern auch, hat der politische Newcomer dem Politestablishment mittlerweile das Fürchten gelehrt. Während alle drei derzeitigen Regierungsparteien um den Wiedereinzug ins Parlament fürchten müssen, gehört seine "Genc-Parti", zu Deutsch, die Jugendpartei, drei Wochen vor den Wahlen zu den wenigen Formationen, denen die Umfrageinstitute eine Chance einräumen, die Zehn-Prozent-Hürde für den Einzug ins Parlament zu überspringen.

Das Rezept von Cem Uzan ist Nationalismus und Populismus pur. Er verspricht jedem Wähler ein Eigenheim, einen Job und einen Ausbildungsplatz für seine Kinder. Den Internationalen Währungsfond will er gleich hinauswerfen, den Schuldendienst einstellen und auf die EU kann er gut verzichten.

Als Publikumsmagneten für seine Auftritte lässt er prominente Popstars einfliegen und damit seine Versprechungen glaubwürdiger klingen, verteilt die Uzan-Mannschaft im Vorgriff auf die kommenden Wohltaten schon einmal warme Mahlzeiten bei den Kundgebungen. So absurd es auf den ersten Blick erscheinen mag, ausgerechnet einem der reichsten Männer der Türkei gelingt es, die Ärmsten der Armen für seine politische Interessen zu mobilisieren. Denn ähnlich wie Berlusconi geht es Cem Uzan offensichtlich vor allem um seine eigenen Interessen. (DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.10.2002)

Von Jürgen Gottschlich aus Istanbul
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